Kritik zu Das Sommerbuch
In seiner Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers der finnlandschwedischen Autorin Tove Jansson macht Regisseur Charlie McDowell eine kleine finnische Insel zur Bühne für die große Glenn Close und die junge Emily Matthews
Landschaften wie auf Postkarten: Endlose Horizonte, hinter denen die Sonne nur kurz verschwindet, moosbewachsene Felsen, das Meer, das leise an die Ufer schwappt. In dieser Idylle auf einer Schäreninsel im finnischen Meer verbringt die neunjährige Sophia (Emily Matthews) mit ihrem Vater (Anders Danielsen Lie) und ihrer Großmutter (Glenn Close) die Zeit um das Mittsommerfest. Ihr einziger Kontakt ist ein Mann von der Nachbarinsel, der ein paar Feuerwerkskörper vorbeibringt. Der Motor seines Bootes ist eines der wenigen Geräusche, die auf die Existenz einer Außenwelt verweisen. Auf unterschiedliche Weise versuchen die drei Personen in dieser Einsamkeit ein Schicksal zu verarbeiten, das sie offenbar nicht lange zuvor ereilt hat, den Tod von Sophias Mutter. Der Vater zieht sich hinter seine Arbeit als Buchillustrator zurück. Sophia empfindet das als Ablehnung und wendet sich der Großmutter zu.
Während die kleine Sophia in Janssons 1972 erschienenem Roman zusammen mit Vater und Großmutter allerlei Erkundungen rund um die Insel anstellt, unter anderem beobachtet, wie Bulldozer sich einen Weg in die Natur bahnen, reduziert McDowell Handlungsort und Personal. Sein Film ist konzipiert wie eine Kurzgeschichte mit offenem Beginn und Ende. Die Vorgeschichte der Personen ist unbekannt, nur Sophias Namen erfährt man, die Todesumstände der Mutter werden nicht erwähnt. Selbst die Zeit der Handlung bleibt offen.
Die Beziehung zwischen Sophia und der Großmutter bildet die Achse des Films, der Vater bleibt eine Randfigur. Zusammen erkunden sie die Umgebung, verbringen Nächte in einem Zelt, wo die Großmutter sich in den Gesprächen mit Sophia an ihre Jugend als eine der ersten Pfadfinderinnen erinnert. Überhaupt ist sie eine eigenwillige Frau, die auch einmal nackt durch den Wald läuft. Ein Schild, das den Durchgang zu einem Privatgelände verbietet, empfindet sie als »Provokation« und ignoriert es. Glenn Close, die auch Co-Produzentin des Films ist, verzichtet in ihrer Rolle als Frau in der letzten Lebensphase auf jede Romantisierung des Alters. In ihrem Gesicht haben sich die Spuren eines langen Lebens tief eingegraben. Auf einen Stock gestützt, folgt sie ihrer Enkelin, abends taucht sie ihre schlecht sitzenden dritten Zähne in ein Wasserglas.
»Das Sommerbuch« stellt sich quer zu jeder Form von Handlungsdramaturgie. Der Film kommt bis auf eine – im Wortsinn – stürmische Episode nahezu gänzlich ohne äußeres Geschehen aus. Die Geschichte spielt sich im Wesentlichen auf den Gesichtern der Personen ab, handelt von ihrer Trauer, ihrem Umgang mit dem Tod, aber auch von ihren Hoffnungen, für die sinnbildlich eine von Sophia und ihrem Vater gepflanzte Pappel steht.
So entsteht ein zeitlos anmutender Schwebezustand, eine filmische Meditation über Menschen in einer Phase ihres Lebens, an deren Ende sie sich – auf jeweils eigene Weise – neu orientieren müssen. Die bisweilen allzu stimmungsverliebten Bilder des norwegischen Kameramanns Sturla Brandth Grøvlen werden von der Musik der polnischen Musikerin und Komponistin Hania Rani so sanft umspült wie die Steine am Ufer des Finnischen Meerbusens.




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