Seine private Hölle

Nachdem Thierry Frémaux im April auf der rituellen Pressekonferenz das Programm für Cannes vorstellte, entdeckte eine Kollegin in den sozialen Medien als erste Reaktion ein Stillleben. Auf ihm waren Blumenkohl, Broccoli und Möhren zu sehen. Abgesehen davon, dass die ersten Zwei sich nicht vertragen, war die Botschaft deutlich: gesund, aber nicht spaßig.

Ihrer Vorfreude tat das keinen Abbruch. Sie fand reichlich Regisseure, auf deren neue Arbeiten sie gespannt war. Der Club verjüngt sich offenbar. Und es scheint, dass 2026 ein guter Jahrgang werden könnte. Die Klage über die Abwesenheit Hollywoods verstummt inzwischen. Unsere Feuilletons dürfen mit banger Genugtuung vermelden, dass das hiesige Kino erneut in der einen oder anderen Form präsent ist. (Ich persönlich drücke Valeska Grisebach die Daumen.) Bemerkenswerter ist jedoch, wie im Weltkino die nationalen Grenzen zusehends fallen – japanische, iranische und andere Regisseure drehen in Frankreich; ein polnischer Regisseur präsentiert mit deutschen SchauspielerInnen eine Momentaufnahme aus dem Leben von Erika und Thomas Mann; Alicia Vikander und Michael Fassbender treten in einem koreanischen Film auf. Ein weiteres Phänomen fällt mir auf, das mich bereits in dem Eintrag „Manchmal kommen sie wieder II (aber kein Sequel)“ vom 5. 5. 2023 aus der Ferne beschäftigte: die Vielzahl der Comebacks. Pawel Pawlikowski stellt seinen ersten Film in acht Jahren vor, Andrey Zvyagintsev meldet sich nach neun Jahren und einer schweren Erkrankung zurück. Nicolas Winding Refn hat sogar ein Jahrzehnt Kinopause eingelegt, ebenso wie sein südkoreanischer Kollege Na Hong-jin. Was haben die nur in dieser ganzen Zeit gemacht, Serien oder Werbung? Wie viele ihrer Projekte zerstieben?

Als besagte Kollegin und ich die Liste der Wettbewerbsbeiträge durchforsteten, mussten wir gestehen, dass uns der Name des Südkoreaners unbekannt war. Tatsächlich ist er aber ein Stammgast an der Croisette. Am Tag darauf las ich gar, dessen „Hope“, der heute Premiere feiert, gehöre zu den meist ersehnten Filmen des 79. Jahrgangs. Da tat sich offenkundig eine Wissenslücke auf, die ich umgehend schließen musste. Ich hörte mich um und stieß auf bewanderte, glühende BewundererInnen seines bisherigen Werks. Seit ich es nun erkundet habe, erscheint mir die Sehnsucht indes als ein merkwürdiger Impuls. Vielmehr verstören mich seine Düsternis, sein verzweifelter Blick auf menschlichen Abgründe. Na Hong-Jin schöpft fulminant aus dem Trüben, Falls sich die zwei Nihilisten aus Dänemark und Korea in Cannes begegnen sollten, hätten sie einander eine Menge zu sagen.

Schwer vorstellbar, dass der Titel seines neuen Films anders als sarkastisch gemeint sein könnte. Na Hong-jins Pessimismus ist unbestechlich, in seinen Filmen gibt es kein Entkommen vor der Niedertracht und dem Bösen. Das Gute feiert nicht einmal Pyrrhussiege. Die Spannweite seines Kinos ist sinister. „Hope“ wird als ein Science-Fiction-Film angekündigt, aber bei ihm ist die Gegenwart bereits dystopisch. Seine Szenarien der Schäbigkeit tragen sich in desolaten, gern versifften Ambientes zu. Regen fällt hier in sintflutartigen Ausmaßen. Wenn Blut fließt, was oft geschieht, dann in erstaunlichen Mengen. Allerdings durchzieht seine seine Filme eine wuchtige katholische Ikonographie. Kreuze und Nägel spielen darin die zentralen Rollen. „The Wailing – Die Bessenen“ (2016) beginnt mit einem Zitat aus dem Lukas-Evangelium. Irgendwo verbirgt sich in seinem Universum auch eine Idee von Rettung und Heil, obwohl seinen Figuren vorerst keine Erlösung versprochen ist.

Der Ex-Bulle in seinem Langfilmdebüt „The Chaser“ (2008) arbeitet nun als Zuhälter, unterhält aber beunruhigend enge Beziehungen zu seinen ehemaligen Kollegen. Seine Prostituierten verschwinden nach und nach, er denkt, sie wurden von einem Rivalen abgeworben, muss dann aber einen Serienmörder jagen. In „The Yellow Sea“ (2010) nimmt ein hochverschuldeter Glücksspieler einen Mordauftrag in Seoul an und hofft gleichzeitig, dort seine Frau zu finden, die ihn und ihr chinesisches Exil verlassen hat. Beide Filme sind entschieden urban, tauchen die Straßen in beklemmend entsättigte, metallische Farben. „The Wailing“ hingegen spielt auf dem Land, wo allerdings auch ein Inferno losbricht, als die Tochter eines Polizisten von einem Dämon heimgesucht wird. Die xenophobe Bevölkerung hält einen zugereisten Japaner für die Inkarnation des Bösen. Auch der aus Ratlosigkeit hinzugezogene Schamane weiß, trotz erheblicher Integrität und Gründlichkeit, keinen Ausweg. Seine ersten beiden Filmen, sagt er, seien aus seiner Neugier für Täter entstanden, dieser aus der Neugier für die Opfer. Wenn Park Chan-wook einen Nachfolger bräuchte, wäre er in diesem Regisseur längst gefunden.

Es wird mithin spannend, was der diesjährige Jurypräsident von dem neuen Werk seines Landmannes hält. Bislang kenne ich nur ein Szenenfoto aus ihm, das eine Polizistin zeigt, die aufgeschreckt aus in ihrem Streifenwagen blickt. Na Hong-jins Filme sind Gestaltwandler, sie vermischen die Genres souverän. Ihre Grundierung ist indes der Polizeifilm. Nicht, dass in diesem Kosmos auf die Behörde Verlass wäre. „The Chaser“ hält schockierende Szenen entfesselter Polizeigewalt parat. Sie sind die Kehrseite einer haarsträubenden Wirkungslosigkeit. Schenkt man seinen Filmen Glauben, gibt es auf diesem Planeten kaum kläglichere Orte als südkoreanische Polizeireviere: Horte der Einfalt und des Chaos', der Trägheit und Korruption. Wie der zurückgekehrte Exilant in „The Yellow Sea“ immer wieder den Hundertschaften entkommt, die ihn verfolgen, entwickelt bald einen so absurden Witz, wie man ihn im Kino seit den Keystone Kops nicht mehr gesehen hat.

„The Chaser“ war eine so brillante Visitenkarte, dass die internationale Sparte der Fox erstmals entschied, Geld in einen koreanischen Film zu investieren. Das hat sich kommerziell bestimmt gelohnt, aber der ästhetische Ertrag ist noch spektakulärer. Na Hong-jin vermisst das jeweilige Inferno mit stupender topographischer Präzision. Schlicht großartig, wie er die schillernde Urbanität Seouls einfängt, namentlich ihre zahlreichen Anhöhen, in denen man getrost eine religiöse Metaphorik entdecken darf. Die pastorale Szenerie von „The Wailing“ ist nicht weniger vielgestaltig und trügerisch. Aber zunächst einmal ist dieser Regisseur ein exzellenter Szenarist, ein Meister in der Konstruktion grimmiger Schnitzeljagden. Seine Drehbücher stecken voller verblüffender, riskanter Wendungen. Gewissheiten gibt es nicht. Sein Pessimismus scheint stets zu obsiegen: Man denkt, eine Figur habe sich aus ihrem Gefängnis befreit, aber dann...

Er fasst sich nicht kurz. Seine Filme steuern in der Regel die Zweieinhalbstunden-Marke an. Der Vergleich zwischen dem Director's Cut und der ursprünglichen Verleihfassung von „The Yellow Sea“ zeigt jedoch, dass es bei ihm nichts Überschüssiges gibt. Der Rhythmus seiner Filme raubt einem den Atem. Er schneidet stets mitten in der Bewegung, aber noch viel behänder, als dies in der klassischen Hollywoodtradition à la Hawks geschieht. Wenn er zwischendrin brüsk eine Großaufnahme (immer aus einem unerwarteten Blickwinkel) einfügt, wirkt das zunächst rissig; Horizontale und Vertikale überschlagen sich (nicht nur in den Actionszenen), und dennoch entsteht daraus nicht nur ein Sog, sondern ein agiler Fluss. Die Montage ist blitzschnell, ihr entgeht nicht die geringste Regung oder Geste. Dies Dynamik wird durchbrochen von magistralen Schwarzblenden, die an die Dunkelheit gemahnen, der man bei diesem Regisseur nicht entrinnen kann. Ich bin neugierig auf die ersten Reaktionen aus Cannes. Mehr noch: hoffnungsfroh.

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