Kritik zu Afterlives
Gewaltvideos werden als Propaganda eingesetzt. Wie können Menschen, die diese Videos schauen, damit umgehen, ohne sich zum Komplizen zu machen? Filmemacher Kevin B. Lee versucht eine künstlerische Analyse
Bilder und Dokumentationen neuerer Kriege haben inzwischen den Schrecken von ISIS-Videos, wie sie vor über zehn Jahren die Runde machten, abgelöst. Als etwa 2014 das Propaganda-Youtube-Video »Flames of War« herauskam, schlug das Entsetzen große Wellen, sowohl angesichts der Aufnahmen von Exekutionen als auch wegen des dramaturgischen Geschicks der Terroristen, die gezielt mit Gewalt für sich warben. Für Journalisten, Künstler und Menschen, die sich nur informieren wollen, bieten solche Videos eine besondere Herausforderung: Soll man sie anschauen? Wie soll man sie anschauen? Und was soll man tun, wenn man sie angeschaut hat? Der Filmemacher und Medienwissenschaftler Kevin B. Lee, in den USA geboren und schon länger in der Schweiz lebend, findet auf diese Fragen verschiedene Antworten, die er in dem einmaligen »Desktop-Documentary« »Afterlives« zum Filmessay zusammenschneidet.
Ausgangspunkt ist seine Faszination für den genannten Propagandafilm. Als ehemaliger Filmkritiker fühlt er sich herausgefordert, die Mittel dieser »gut gemachten« und die Erwartungen eines Actionfilms erfüllenden Montage zu analysieren. Die Herangehensweisen, die er dokumentiert, etwa das Auflisten der Motive, das Messen der Sequenzen und das Indizieren der Schnitte, erweisen sich aber als unproduktiv. Letztlich, so stellt es sich dem Zuschauer dar, sind es Vermeidungsstrategien, die die eigentliche Frage, wie man mit Aufnahmen nicht nur von realer Gewalt, sondern von Exekutionen als Privatmensch umgehen soll, nur umkreisen. Macht man sich beim Anschauen zum Mittäter?
Dass jemand, der solche Videos von Berufs wegen anschauen muss, davon nicht unberührt bleibt, versteht sich von selbst. Der Interviewpartner, den Lee hierzu befragt, wird entsprechend kurz abgehandelt. In längere Interaktion tritt der Regisseur mit der Medien- und Installationskünstlerin Morehshin Allahyari, deren 3D-gedruckte Rekonstruktion eines Medusenkopfes – 2016 von ISIS-Kämpfern zerstört – zum nächsten Ausgangselement des Films wird, und mit den Extremismusforscherinnen Nava Zarabian und Anne Speckhard, deren Methoden einen Kontrast zu Lees und Allahyaris künstlerischen Verfahren bilden. Das Motiv der Medusa, die, selbst ein Opfer von Gewalt, diese Gewalt »zurückgibt«, indem sie diejenigen, die sie anschauen, durch Versteinern bestraft, trägt weiter als das Beispiel der ISIS-Videos. Aber zugleich verwässert dieses Ausweichen in die Mythologie auch das in Social-Media-Zeiten sehr real gewordene Problem von Gewaltvideos im Netz.
Ähnlich verhält es sich mit Fotografien aus der Zeit des Kolonialismus. Zarabian findet darin den unmittelbaren Ausdruck von Machtstrukturen und Gewalt, auch da, wo es diese nicht explizit gibt. Doch der Blick auf Dokumentationen, die immer noch etwas anderes dokumentieren als das, was der Aufnehmende abbilden will, ist kein neuer Zugang – und eine weitere Ablenkung von der Frage der Mitschuld des Anschauenden. So hinterlässt »Afterlives« gemischte Gefühle – was genau das Richtige ist angesichts seines Sujets.




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