26. goEast-Festival

Shakespeare im Osten
»Tell me what you feel« (2026)

»Tell me what you feel« (2026)

Baltische Kreativität und Überraschung aus Polen: goEast-Festival (21.–27.4.2026) in Wiesbaden

Seit dem Überfall auf die Ukraine 2022 thematisiert das Programm des goEast-Festivals immer wieder den russischen Angriffskrieg. So verwundert es nicht, dass auch in diesem Jahr der Hauptpreis wieder an eine Produktion ging, die – so die internationale Jury unter dem Vorsitz von Salomé Alexi – »aus dem gesamten Wettbewerbsprogramm mit unbestreitbarer Dringlichkeit hervorstach«. Roman Ostrovskyis ukrainischer Dokumentarfilm »Clouds Move with Great Speed« erhielt die mit 10.000 Euro dotierte Goldene Lilie für den besten Film. Diese ungefilterten Beobachtungen des Alltags während des Ausnahmezustands sind schwer erträglich. Gezeigt wird, wie Feuerwehrleute Leichen aus Trümmern bergen, wie verwundete Soldaten operiert werden und eine einarmige alte Frau mit ihrer Katze aus der Frontlinie evakuiert wird.

Neben diesem unverzichtbaren Pflichtprogramm erweist sich das Festival einmal mehr als Wundertüte. Viele gezeigte Produktionen gleichen das sichtbar schmale Budget durch Fantasie und Kreativität aus. Das gilt traditionell für baltische Filme, die auf dem goEast-Festival seit Jahren durch ausgefeilte Ästhetik verblüffen. Der lettischen Regisseurin Laila Pakalniņa gelang ein Film zum Verlieben. Ein Stapel anonymer Schwarz-Weiß-Fotos, irgendwo auf dem Müll gefunden, inspirierte sie zu einer imaginären Spurensuche. Wer sind diese Unbekannten auf den Schnappschüssen? Was haben sie erlebt? Um diese Fragen spielerisch zu beantworten, inszenierte Pakalniņa akribisch durchkomponierte Spielszenen, welche die Personen auf den jeweiligen Schwarz-Weiß-Fotos buchstäblich zum Leben erwecken. Man braucht einen Moment, um diese subtile ästhetische Konstruktion – eine Hommage an die analoge Fotografie – zu verstehen. Wenn es dann im wahrsten Sinn »klick« gemacht hat, ist man dankbar, »A Cat on my Mind« sehen zu dürfen. Für diese visuell-poetische Erkundung erhielt die Lettin den Preis der Internationalen Filmkritik FIPRESCI in der Kategorie Spielfilm – obwohl »A Cat on my Mind« eher ein dokumentarischer Essay ist.

Den Preis in der Kategorie Dokumentarfilm verlieh die FIPRESCI interessanterweise an »Outliving Shakespeare«. In den Beobachtungen, die Inna Sahakyan und Ruben Ghazaryan in einem armenischen Altersheim machten, tritt ein Shakespeare-Stück, das Senioren dort proben, so sehr in den Vordergrund, dass man gefühlt einen Spielfilm sieht. Einen der überraschendsten Filme des Festivals inszenierte der Pole Łukasz Ronduda. »Tell Me What You Feel« erzählt von einem jungen Zeichner aus proletarischen Verhältnissen, der sich in eine Künstlerin aus der Oberschicht verliebt. Von ihr angeregt, sein Familientrauma in Kunst zu übersetzen, zerbricht die Beziehung. Getragen von den Darstellern Jan Sałasiński und Izabella Dudziak, gelingt Ronduda eine punkige Liebesgeschichte, die das Romeo-und-Julia-Motiv subtil variiert. In Erinnerung bleibt diese Stilübung, weil sie die gefühlten Erwartungen an das »Ostige« gegen den Strich bürstet und der Film an einen frühen Noah Baumbach erinnert.

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