Kritik zu I Only Rest In The Storm
In monumentalen 211 Minuten setzt sich der Portugiese Pedro Pinho mit Entwicklungsarbeit und Postkolonialismus in Guinea-Bissau auseinander – dabei stellt sich die Frage, wie umfassend und realistisch ein solcher Film sein kann.
Ein Grenzkontrolleur kocht mitten in der Wüste Tee. Ein schon leicht klappriger Mercedes kommt durch den Wüstenwind herangefahren. Nachdem der Uniformierte die Papiere des Mannes am Steuer kontrolliert hat, fragt er diesen noch nach einem Buch – wohl gegen die Langeweile an seinem ungewöhnlichen Arbeitsplatz. In einem Akt der Solidarität zwischen den beiden Wüstengestrandeten geht der Fahrer zu seinem Kofferraum und schenkt dem Grenzer eines, bevor er nach anfänglichen Startschwierigkeiten seines Autos seine Reise ins Ungewisse fortsetzt. Es ist eine seltsame, fast surreale Situation, mit der Pedro Pinho seinen Film »I Only Rest in the Storm« beginnen lässt. Sie setzt aber perfekt die Stimmung für die folgenden 211 Minuten. Denn auch im weiteren Verlauf werden wir immer wieder mit Alltagssituationen konfrontiert, die wir auf den ersten Blick kaum deuten können oder denen wir wenig Bedeutung zuschreiben, die aber dennoch ganz viel erzählen.
»I Only Rest in the Storm« ist allein aufgrund seiner Laufzeit ein wahres Mammutwerk. Darüber hinaus verhandelt der Film aber auch einige der großen Themen unserer Zeit: Postkolonialismus, Queerness und White Saviorism. Bereits die Synopsis offenbart diese Diskursdichte. Der portugiesische Umweltingenieur Sérgio (Sérgio Coragem) reist in das westafrikanische Guinea-Bissau, um für eine NGO ein Umweltgutachten zu einem Straßenbauprojekt zu erstellen. Im Gepäck hat er nicht nur das Nötigste für die Reise, sondern auch das Bewusstsein, dass das Land bis 1974 über Jahrhunderte hinweg eine Kolonie seines Heimatlandes Portugal war. Kurz nach seiner Ankunft lernt er die Einheimischen Diara (Cleo Diára, die in Cannes für ihre Rolle ausgezeichnet wurde) und Guilherme (Jonathan Guilherme) kennen. Diara lebt noch immer auf dem Land, das ihre Familie seit Generationen besitzt, während Guilherme aus Brasilien eingewandert ist, um vor Ort seinen »Wurzeln« nachzugehen. Diara betreibt eine Bar, die auch der queeren Szene im konservativen Land als Zufluchtsort dient. Beide zeigen früh erotisches Interesse an Sérgio – und auch er scheint nicht abgeneigt. Die toughe Frau, die sich souverän in den unterschiedlichen Gesellschaftsschichten des Landes bewegt, und der melancholische Mann, der verzweifelt seinen Platz in der Welt sucht, faszinieren ihn gleichermaßen.
Wir folgen Sérgio durch seinen neuen Alltag: bei der Arbeit, in Gesprächen mit Einheimischen und Kolleg:innen, beim Trinken, Tanzen, Feiern – und auch bei sexuellen Begegnungen mit Frauen wie Männern. Sex wird hier explizit und ohne falsche Scham gezeigt. Bei all den aufgezeigten Formen von Unterdrückung gehört die Feier des Körperlichen – des Sexuellen – zu den freiheitsstiftenden Dingen. Ein queerer Film ist »I Only Rest in the Storm« vor allem darin, dass queeres Leben ständig präsent ist – in Diaras Bar, in Clubs oder in Gestalt von Männern in Kleidern und Perücken, die ganz selbstverständlich durch die dargestellte Welt schreiten.
Trotz bester Absichten wird Sérgio im Verlauf der Handlung immer wieder Menschen verletzen. Der Film konfrontiert ihn – und uns – dabei mit einem komplexen Geflecht aus Begehren, Macht, Zuneigung und strukturellen Unterschieden, an dessen Ende die Erkenntnis steht, dass der Wunsch, Gutes zu tun, nicht zwangsläufig zu gutem Handeln führt. Diese Ambivalenz durchzieht sowohl die privaten als auch die politischen Ebenen des Films, deren Grenzen bewusst durchlässig gehalten werden. Eine Prostituierte, die Sérgios Kollegen »spendiert« haben, bemerkt nach einem langen »Eiertanz« mit dem zögernden nackten Sérgio – er kann sich nicht entscheiden, ob er es moralisch für vertretbar hält, mit ihr zu schlafen – entnervt, die schlimmsten Männer seien stets jene, die es »gut meinen«. Da stellt sich die Frage, ob sich diese Kritik nur auf einzelne Freier richtet oder auf ein ganzes westliches Selbstverständnis. Auch Sérgio sieht sein philanthropisches Engagement schon bald in einem anderen Licht. Wie schon in Pinhos vorherigem Film »A Fábrica de Nada« erinnert die Gestaltung stark an den italienischen Neorealismus. Ähnlich wie die Strömung der 1940er und 1950er Jahre versucht auch »I Only Rest in the Storm«, ein möglichst ungefiltertes Abbild der Wirklichkeit zu liefern – fernab von Postkartenästhetik und Armutskitsch, aber voller Alltagsschönheit. In Kombination mit seiner überbordenden Länge wird der Film so selbst zum sinnlichen Erfahrungsraum: Er spiegelt Sérgios innere Verfassung und lässt sie das Publikum nachempfinden. Wie der Protagonist erleben wir die neue Umgebung als ein Übermaß an Sinneseindrücken. Die analogen Handkamerabilder von Ivo Lopes Araújo lassen uns die Hitze Westafrikas wie den Schweiß auf der Haut der Akteure spüren. Auch die Länge des Films an sich lässt sich aus diesem Realitätsanspruch heraus erklären. Denn das echte Leben ist nicht kompakt oder auf Konflikte verdichtet, sondern zerfasert, ziellos und ebenso faszinierend wie ermüdend.
Bezeichnend ist dabei, dass dennoch vor allem jene Sequenzen des Films im Kopf bleiben, die genau das tun, was der Film ansonsten vermeidet: Szenen wie die mit der Prostituierten verdichten Konflikte und schaffen einen pointierten Bedeutungsrahmen. Hieran lässt sich das Grundproblem des Films erkennen: Er ist in gewisser Weise gegen sich selbst gerichtet. Schon die Filmemacher:innen des Neorealismus mussten erkennen, dass eine große Lücke zwischen ihrem Anspruch und dessen Umsetzung klafft. Ganz einfach weil Film und Wirklichkeit stets konträr zueinander stehen. Bezogen auf das Ziel, die »postkoloniale, kapitalistische Landschaft« abzubilden, wie Pinho es selbst einmal ausdrückte, bleibt dem Film kaum etwas anderes übrig, als um Fragen rund um koloniales Erbe, fortbestehende Abhängigkeitsverhältnisse, asymmetrische Machtstrukturen und Entwicklungsperspektiven zu mäandern. Denn abschließende Antworten gibt es darauf in der Wirklichkeit nicht.
Parallel dazu offenbart der Film seine Grunderkenntnis vom Gutgemeinten und doch Falschgemachten auch an sich selbst. Pinhos Entscheidung, den Film radikal aus Sérgios Perspektive zu erzählen, reflektiert zwar seine eigene Position als portugiesischer Filmemacher und Außenstehender. Doch sein Blick auf Guinea-Bissau bleibt damit zugleich ein westlicher – und letztlich ein selbstbezogener. Dass das Land de facto unter einer Militärdiktatur steht und demokratische Strukturen oft nur auf dem Papier existieren, erfasst der Film ebenso wenig wie die Rolle von inländischer Korruption und internationalem Drogenhandel, die für anhaltende Instabilität sorgen. Gerade hier aber würden die wirklich komplexen Fragen beginnen. So bleibt trotz der enormen Länge und vermeintlichen Multiperspektivität der Eindruck eines seltsam einseitigen, letztlich paternalistischen Porträts.
Zusammengefasst ist »I Only Rest in the Storm« ein Film, der um die Leere unserer spätkapitalistischen Gegenwart kreist. Dass diese zu füllen, ihr möglicherweise zu entkommen, selten widerspruchsfrei und mit weißer Weste geschehen kann, zeigt der Film auf gleichermaßen hypnotische wie enervierende Art und Weise. Schlussendlich bietet der Film dennoch eine Art Ausblick auf Veränderung. Denn wenn unsere sexuelle Identität und die Art und Weise, wie wir leben, nicht in Stein gemeißelt sind, dann gibt es vielleicht mehr Spielraum, als wir denken. So deutet »I Only Rest in the Storm« zumindest einen vorsichtigen Hoffnungshorizont an.




Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns