Kritik zu Gavagai
Filme übers Filmedrehen weisen selten über sich hinaus. Ulrich Köhler ist das Kunststück gelungen: Seine Geschichte einer entgleisten »Medea«-Produktion entwirft ein komplexes Diagramm kultureller, sozialer und politischer Codes.
Ein merkwürdiges Bild: Maren Eggert an einem Strand in Dakar, in der Hand einen Schirm zum Schutz vor der Sonne, die Beine sehr, sehr weiß unterm Bademantel. War sie schon immer so blass? Ist das mit dem Sonnenschirm üblich an Filmsets in heißen, sonnigen Ländern?
Man darf annehmen, dass Eggert nicht zufällig so »weiß« blinkt in dieser Szene. In Ulrich Köhlers neuem Film geht es um race, class, ein bisschen auch um gender – und darum, wie sich diese Marker, die ja durchaus soziale Realitäten abbilden, zueinander verhalten, wenn sie in scheinbar offenen, liberalen Milieus aufeinandertreffen. Eggert spielt Maja, die deutsche Hauptdarstellerin in einer mäßig budgetierten, mit allerlei V-Effekten angereicherten internationalen Arthouse-Kinoadaption von Franz Grillparzers »Medea«-Drama. Die Regisseurin hat die Rollen der Griechen im Stück mit senegalesischen Darstellern besetzt. Ein feministisch inspirierter Einfall, der betonen soll, wie fremd sich Medea, die Prinzessin aus dem asiatischen Kolchis, in der Heimat ihres Mannes Iason fühlt. Böse Falle. Denn auf der Leinwand sieht das dann aus, als würde eine Weiße Frau von einer Schwarzen Mehrheitsgesellschaft diskriminiert.
Und es wird nicht einfacher. Sind die Komparsen vom Catering ausgeschlossen als Komparsen oder als Schwarze? Ist es verschmockt, dass Majas Co-Star Nourou (Jean-Christophe Folly), der seine Karriere längst nach Frankreich verlagert hat, beim Dinner mit seinem gut situierten senegalesischen Vater den Weinkenner heraushängen lässt und es selbstverständlich findet, den ortsansässigen Chauffeur stundenlang warten zu lassen? Warum glaubt Maja, Nourous Attitüde korrigieren zu müssen? Und was kann aus der Affäre werden, auf die sich die beiden am letzten Drehtag einlassen? Ein Jahr später soll der Film auf einem »Internationalen Festival« in Berlin Premiere feiern, und es kommt zu einem Eklat, als Maja dafür sorgt, dass ein Mitarbeiter der Sicherheitsfirma im Hotel, der Nourou bei der Anreise abfängt, wegen racial profiling entlassen wird. Gegen den Furor der deutschen Kulturprominenten hat der Mann als Pole und Angehöriger der Dienstklasse keine Chance. Nourou ist das Ganze unangenehm.
Ulrich Köhler gilt als Vertreter der Berliner Schule, aber er hat schon früh den Rahmen gesprengt mit »Schlafkrankheit«, einem in Kamerun gedrehten mild autobiografischen Drama – Köhlers Eltern arbeiteten als Entwicklungshelfer in Zaire –, das um postkoloniale Verhältnisse kreist und dezente »Herzog-Vibes« ausstrahlt. Anders als die Regisseurin in »Gavagai« ist Köhler sich sehr bewusst, was er tut, wenn er in Senegal dreht: Mit visuellen Anspielungen auf Djibril Diop Mambétys Klassiker »Touki Bouki«, darunter das emblematische gehörnte Motorrad, verbeugt er sich vor dem profiliertesten subsaharischen Filmland.
Auf die Berliner Blase dagegen – gedreht wurde etwa auf dem Roten Teppich vor dem Berlinale Palast – wirft Köhler den kühlen Blick eines kritischen Insiders. Es kommt zu einer Serie von Szenen, die schleichend eine nervenzerrende Peinlichkeit entfalten. Da ist die Nonchalance, mit der Maja im Boho-Schlumpflook – Birkenstocks? – den plötzlich aufgetauchten Nourou in ihrer Küche sitzenlässt, um sich mit ihrer Tochter und dem Ex-Mann zu beschäftigen. Da ist die Indolenz, mit der Nourou den Schneider übersieht, der versucht, ihm ein Gala-Outfit anzupassen. Den satirischen Höhepunkt liefert die Pressekonferenz, in der sich Regisseurin und Team für die »kolonialistische« Schlagseite eines Films entschuldigen müssen, von dem Nourou tapfer behauptet, er sei ein Meisterwerk.
»Gavagai« folgt über weite Strecken Jean-Christophe Folly als Nourou. Das heißt aber nicht automatisch, dass die Inszenierung seine Perspektive privilegiert. Köhler ergreift keine Partei im Konflikt der Codes, löst die Komplexität der sozialen Zuschreibungen und Abhängigkeiten nicht auf. »Gavagai« ist ein Kunstwort aus der Sprachphilosophie, das eine grundlegende Unschärfe in der Kommunikation bezeichnet. Mit einer solchen Unschärfe muss auch der Zuschauer hier beständig rechnen: Der Film ist eine unterhaltende Denksportaufgabe und ein kluger Kommentar zu den politischen Debatten unserer Zeit, in der das Gute, das Gutgemeinte und das schlicht Perfide schwer auseinanderzuhalten sind.





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