Kritik zu Allegro Pastell

© DCM

2026
Original-Titel: 
Allegro Pastell
Filmstart in Deutschland: 
16.04.2026
V: 
L: 
99 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Narzisstische Millennium-Menschen, die um sich selbst kreisen und ihre eigentlich perfekte Fernbeziehung an die Wand fahren: Ähnlich wie die Romanvorlage von Leif Randt ist auch die Verfilmung von Anna Roller nur bedingt auf Sympathie aus, verdient aber eine genauere Betrachtung.

Bewertung: 4
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Mit der Aktualität ist es manchmal so eine Sache. Als Leif Randt Anfang 2020 seinen Roman »Allegro Pastell« veröffentlichte, wurde dieser vom Feuilleton als zeitgenössisches Porträt der Millennium-Generation gefeiert. Zugleich erschien die Geschichte ziemlich schnell ziemlich fern. Denn Randt behandelt mit den Jahren 2018 und 2019 exakt die Zeit vor der Corona-Pandemie, die viele im Rückblick als letzten unbeschwerten Abschnitt vor dem Beginn eines dauerhaften Krisenzustands wahrnehmen. Dass die Protagonisten in »Allegro Pastell« von »vorauseilender Wehmut« sprechen, hat da schon etwas Prophetisches. Die Verfilmung, für die Randt selbst das Drehbuch verfasst und bei der Anna Roller (»Dead Girls Dancing«) Regie geführt hat, versucht gar nicht erst, diesen Umstand aufzubrechen, sondern konzipiert die Geschichte eindeutig als Blick in die Vergangenheit.

Im Mittelpunkt stehen die Thirty­somethings Tanja (Sylvaine Faligant) und Jerome (Jannis Niewöhner), die eine Fernbeziehung zwischen Berlin und Frankfurt führen. Sie gehören zu der Sorte Menschen, die mit ihrem Lebensmodell – sie ist Autorin, er Webdesigner – versuchen, die Freiheit und Flexibilität ihrer Zwanziger zu bewahren. Sie wollen irgendwie offen und alternativ sein, gleichzeitig haben sie sich längst ein gut situiertes, spießiges Leben eingerichtet. Man freut sich, ein »krasses Sparticket geschossen« zu haben, hat aber eigentlich genug Geld, um regelmäßig ICEs und Ubers zu nutzen. Das eigene Leben wird stets ironisch distanziert eingeordnet, und die Beziehung ist Teil eines Lifestyles, bei dem Emotionen analytisch wahrgenommen und kontrolliert artikuliert werden: »Ich denke mit absolut warmen Gefühlen an dich.« Irgendwann geht die bequeme Mischung aus Nähe und Dis­tanz, die Tanja und Jerome ausleben, jedoch zu Bruch. Es kommt zu einer vorläufigen Trennung, sie haben Affären, nähern sich wieder an, wissen nicht so genau, wie ihre Beziehung nun aussehen soll.

Struktur bekommt »Allegro Pastell« durch den Off-Ton, in dem sowohl die hyperreflektiv um sich selbst kreisenden Gedankengänge von Tanja und Jerome wiedergegeben werden, als auch die Textnachrichten, die sie austauschen. Damit ist der Rhythmus des Films automatisch durch den literarischen Stil von Leif Randt geprägt. Die Inszenierung von Anna Roller muss entsprechend darum kämpfen, nicht bloße Bebilderung zu sein. Sie tut dies mit gut ausgespielten Dialogen und präzisem Kostüm- und Set-Design, das den manchmal widersprüchlichen Zeitgeist des Milieus einfängt: Hipper Kleidungsstil und spirituelles Teegedeck treffen auf Lavalampe und SodaStream. Hinzu kommen beeindruckende Panoramaaufnahmen von Berlin, Frankfurt und zwischendurch Lissabon, Electro-Beats und grelle Partyszenen, die so punktgenau dosiert sind wie der Drogenkonsum der Protagonisten.

Wie im Roman mäandert die Geschichte auch im Film ein wenig vor sich hin. Die Konflikte wirken teilweise banal und unverständlich. Angst vor zu viel Nähe, die Anziehung eines anderen oder tatsächlich einfach nur das unglückliche Geburtstagsgeschenk? So richtig weiß Tanja selbst nicht, warum sie die Beziehung zu Jerome und kurz darauf auch die zu ihrer besten Freundin Amelie (Vera Flück) an die Wand fährt. Aber genau das ist die Tragik: dass die Menschen hier eigentlich keine tiefschürfenden Probleme haben und trotzdem umgeben sind von Melancholie und Bitterkeit; wenn es keine Probleme gibt, schafft man sich halt selbst welche. »Anscheinend wollte ich auf einen Schlag alles kaputt machen«, sagt Tanja irgendwann und: »Ich dachte, aus dem Drama wird wenigstens ein hübscher Text, aber ich habe schon Besseres geschrieben.« So schön die Settings des Films anzusehen sind, das Selbstmitleid der Figuren kann einem ganz schön auf den Geist gehen.

Mit welcher Rezeptionshaltung aber begegnet man diesen Figuren abseits der nachvollziehbaren Irritation? Zunächst einmal könnte man auf Distanz gehen und die Geschichte als satirische Beobachtung begreifen. Schließlich steckt in dem narzisstischen Gehabe und der pseudophilosophischen Reflexion – um Gefühle zu ordnen, werden erst mal Word-Dokumente und Power-Points angelegt – eine gewisse Komik, wenn auch mit gehörigem Fremdschämfaktor.

Es ist allerdings auch nicht ausgeschlossen, dass sich Zuschauer:innen in Teilen mit den Figuren identifizieren oder zumindest durch sie gespiegelt fühlen. Auf unbequeme Art habe sie sich und Menschen aus ihrem Umfeld in den Figuren wiedererkannt, ­erklärt etwa Anna Roller in einer Director’s Note. Der Film jedenfalls sucht die Nähe zu den Figuren: Immer wieder zoomt die Kamera auf die Gesichter von Tanja und Jerome, zeigt sie in intimen Momenten und gibt ihre Gedankengänge nicht wie im Roman in der dritten Person, sondern in der Ich-Form wieder. Auch wenn viele Eckpunkte wie Tanjas Schreibblockaden und die damit verbundene Identitätskrise oder Jeromes Schwanken zwischen Tanja und Jugendliebe Marlene (Haley Louise Jones) nur in Ansätzen greifbar sind, bildet sich eine gewisse Dramaturgie um die klassische Frage »Finden sie zusammen oder nicht?« heraus. Dabei eröffnen besonders einzelne, authentisch eingefangene Momente Raum für Identifikation: Tanja und Jerome, wie sie albern euphorisch auf einer Hochzeitsfeier tanzen, die Katerstimmung nach einer durchzechten Nacht oder wie Tanja ihrer Freundin Amelie weinend in den Arm fällt, als der Liebeskummer plötzlich doch mit aller Wucht herausbricht.

Aber selbst wenn man der Wehmut der Figuren mit Verständnis begegnet – ihre Perspektive ist natürlich immer noch eine ungeheuer privilegierte. Mindestens so wichtig wie Empathie ist daher der kritische Blick. Das gilt auch für die im Film deutlich he­rausgestellte Unfähigkeit der Figuren, ehrlich zu kommunizieren. Sowohl Tanja als auch Jerome schaffen es nie wirklich, ihre Probleme offen miteinander zu diskutieren. »Speak, well, that sounds so easy«, seufzt Jerome. Dieses Defizit hat durchaus eine politische Dimension: Wie sollen Menschen gesellschaftliche Debatten austragen, wenn sie das schon im Privaten nicht können? Für die, auch vor 2020 existenten, Konflikte und gesellschaftlichen Probleme der Welt scheint bei den hier dargestellten Menschen ohnehin kaum Bewusstsein vorhanden zu sein. »Wir wählen doch alle die Grünen, oder?«, sagt Tanja beim Weihnachtsessen, die AfD ist irgendwann Aufhänger für einen mauen Witz, ein Hund trägt den Namen Bernie Sanders. All dies, ohne dass die Menschen ein wirkliches Verhältnis zu politischen Themen haben. Das spiegelt Probleme, die nicht nur diesen sehr speziellen Teil der Millennium-Generation betreffen.

Komplette Irritation, satirische Beobachtung, Empathie, kritische Reflexion: »Allegro Pastell« legt auf eigenartige Weise alle diese Rezeptionsweisen nahe, ohne sich endgültig auf eine Seite zu schlagen. Damit trifft die Verfilmung ziemlich genau die Ambivalenz und Unklarheit, die auch die Vorlage auszeichnete. Bei der Premiere auf der Berlinale hatte dies teilweise deutlich ablehnende Reaktionen zur Folge. Das musste man bei dieser Romanverfilmung wohl zwangsläufig mit einkalkulieren, es wird »Allegro Pastell« aber nur bedingt gerecht.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt