Kritik zu The History of Sound
Mit ästhetischer Strenge und ausgeprägter Zurückhaltung inszeniert der südafrikanische Regisseur Oliver Hermanus eine intensive Liebesgeschichte zwischen zwei Männern (Paul Mescal, Josh O'Connor), die sich auf die Liebe zur Musik gründet.
Im Halbdunkel einer verrauchten Bostoner Bar sitzt ein junger Mann am Klavier. Die Melodie ist alt, eine jener Appalachen-Balladen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Lionel, ein schüchterner Musikstudent aus Kentucky, erkennt das Lied sofort – sein Vater hat es früher auf dem Banjo gespielt. Er tritt näher, beginnt zu singen, und für einen Moment scheint der Raum stillzustehen. In diesem Augenblick beginnt in Oliver Hermanus' »The History of Sound« eine Liebesgeschichte, die sich weniger über Worte als über Klänge entfaltet.
Der Film setzt 1917 ein. Lionel (Paul Mescal) hat dank seines außergewöhnlichen Gehörs ein Stipendium am New England Conservatory in Boston erhalten. Musik erlebt er synästhetisch: Töne korrespondieren mit Farben, sogar mit Geschmack. Lionel begegnet David (Josh O'Connor), einem etwas älteren Studenten aus besseren Kreisen, der sich leidenschaftlich für amerikanische Volkslieder interessiert. Zwischen beiden entsteht rasch eine intime Verbindung. Sie treffen sich heimlich, verbringen einige Nächte miteinander – eine kurze, intensive Episode, die jäh endet, als David zum Militär eingezogen wird.
Lionel kehrt auf die Farm seiner Familie in Kentucky zurück. Erst Jahre später meldet sich David wieder. Er arbeitet inzwischen an einem College in Maine und lädt Lionel ein, ihn auf eine Forschungsreise zu begleiten. Mit einem tragbaren Phonographen ziehen sie durch abgelegene Gegenden Neuenglands, besuchen Bauernhäuser und kleine Gemeinden, nehmen Lieder auf Wachszylindern auf. Die Begegnungen mit den Sängern gehören zu den stärksten Momenten des Films: Stimmen aus Küchen, Kirchen oder Hinterhöfen, Balladen über Liebe, Mord oder Trauer, die sich wie mündliche Geschichtsschreibung entfalten.
Während dieser winterlichen Wanderung flammt auch die Beziehung zwischen Lionel und David erneut auf. Die Einsamkeit der Wälder erlaubt eine Nähe, die im Alltag kaum möglich wäre. Doch das Glück bleibt fragil. David, gezeichnet vom Krieg und von inneren Zweifeln, zieht sich zurück. Am Ende der Reise trennen sich ihre Wege erneut. Der Film folgt danach vor allem Lionel: Er singt in Rom in einem Kirchenchor, arbeitet später in Oxford, geht Beziehungen ein, die nie wirklich tragen. Die Erinnerung an David bleibt eine stille Konstante seines Lebens.
Hermanus erzählt diese Geschichte mit ausgeprägter Zurückhaltung. Die Inszenierung vermeidet große Gesten, setzt auf Blicke, Pausen und Musik. Alexander Dynans Kamera taucht Wälder, Farmhäuser und winterliche Landschaften in gedämpfte Farben, die Bilder wirken bisweilen wie Gemälde aus dem amerikanischen Realismus. Diese ästhetische Strenge verleiht dem Film eine kontemplative Atmosphäre, erzeugt bisweilen aber auch eine gewisse Distanz. Gerade im Mittelteil, wenn Lionel allein durch Europa und England wandert, verliert die Erzählung etwas von der emotionalen Wucht der frühen Szenen.
Dennoch tragen die beiden Hauptdarsteller den Film mit großer Präsenz. Mescal spielt Lionel als stillen Beobachter, dessen Gefühle sich erst allmählich im Blick und in der Stimme offenbaren. O'Connor verleiht David eine Mischung aus Charme und Melancholie, die verständlich macht, warum Lionel sich lebenslang an ihn gebunden fühlt. Wenn beide gemeinsam singen, wird die Verbindung zwischen ihnen unmittelbar spürbar.
Hermanus, der mit dem queeren Apartheid-Drama »Moffie« internationale Aufmerksamkeit erlangte und zuletzt mit »Living« eine elegante Neuinterpretation von Kurosawas »Ikiru« inszenierte, interessiert sich erneut für Figuren, die von Erinnerung und verpassten Möglichkeiten geprägt sind. »The History of Sound« fügt diesem Motiv eine zusätzliche Dimension hinzu: Musik als Medium des Gedächtnisses. Die Lieder, die Lionel und David sammeln, bewahren Stimmen, Geschichten und Gefühle – ebenso wie die Erinnerung an eine Liebe, die nur für kurze Zeit vollständig existierte.
So wirkt der Film selbst wie eine Ballade aus jener Tradition, die er dokumentiert: leise, melancholisch, von großer Schönheit – und getragen von der Ahnung, dass die wichtigsten Erfahrungen des Lebens oft nur in Fragmenten überliefert bleiben.




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