Kritik zu Luisa

© Real Fiction Filmverleih

In ihrem semidokumentarischen Spielfilm befasst sich Regisseurin Julia Roesler mit Missbrauch in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung.

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Luisa (Celina Scharff) ist eine fröhliche junge Frau. Mit ihrem Freund Anton (Dennis Seidel) lebt die 22-Jährige in einer kleinen Einrichtung für Menschen mit Behinderung irgendwo am Rande einer Kleinstadt. Mit dem von ihr heimlich angehimmelten Busfahrer Holger (Tim Porath), der sie mit ihrer Gruppe zur Arbeit in einer Wäscherei bringt, macht sie gelegentlich Ausflüge. Luisa ist auch eine arglose junge Frau, die sich nichts dabei denkt, wenn Holger sie im Bus auf seinen Schoß zieht. Regisseurin Julia Roesler, die mit Silke Merzhäuser auch das Drehbuch schrieb, inszeniert diese Szene nur in Andeutungen, ebenso eine spätere, wenn der Betreuer Daniel (Martin Schnippa) Luisa in einer Nacht anbietet, sich kurz zu ihr zu legen.

Als Luisa sich immer weiter in sich zurückzieht, kommt heraus, dass sie schwanger ist. Da Anton unfruchtbar ist und somit als Vater nicht infrage kommt, wird von sexuellem Missbrauch ausgegangen. Das Betreuerteam, dem die Nähe von Luisa und Holger nicht entgangen ist, vermutet in Holger den Täter. Luisa selbst mag dazu keine Auskunft geben, auch nicht der Polizei.

Roeslers Film steuert an dieser Stelle kurz auf den klassischen Whodunit-Plot zu. Das Team um Heimleiter Harald (Peter Lohmeyer) denkt über eine Speichelprobe bei den Betreuern nach, ist aber gleichzeitig bemüht, die Geschichte nicht allzu publik werden zu lassen. Eher beiläufig wird der Fall aufgeklärt, wobei es gerade Luisas Naivität ist, die zur Lösung beiträgt.

Den Macherinnen des Dramas, dessen Erzählweise immer wieder wie ein Dokumentarfilm anmutet, geht es aber um Grundsätzlicheres. Der Missbrauch, in diesem Fall auch der des Vertrauens der Schutzbefohlenen, ist etwas Alltägliches. Etwas, das durch die Nähe, in die Pflegende wie Schützlinge unvermeidlich kommen, begünstigt wird. Roesler und Merzhäuser haben dazu monatelang in Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderung recherchiert. Laut Statistik sind im Erwachsenenleben Frauen mit Behinderung dreimal häufiger von sexueller Gewalt betroffen als der weibliche Bevölkerungsdurchschnitt. Anliegen des Films ist nicht Anklage, vielmehr wolle man am Beispiel der Geschichte Luisas »strukturelle Schwächen im gesellschaftlichen Umgang mit Menschen mit Behinderungen (…) erzählen« und »das Thema sexualisierte Gewalt an Menschen mit Behinderung diskutierbar (…) machen«.

Luisa ist eine Koproduktion von werkgruppe2, Hanfgarn & Ufer sowie dem Kleinen Fernsehspiel des ZDF, unter Mitarbeit der inklusiven Schauspieltruppe »Meine Damen und Herren«. Neben der Haupthandlung erzählt der Film auch andere bedrückende wie anrührende Geschichten. Etwa von der einsamen Tanja (Katharina Bromka), die Selbstgespräche mit ihren Kakteen führt und deren Eltern immer wieder angekündigte Besuche absagen. Oder von dem Liebespaar Gisela und Otto (Melanie Lux und Michael Schumacher), das die Neugier der tratschfreudigen Mitbewohner auf sich zieht, sowie von Luisas Freund Anton, der sich auf eigene Faust auf die Suche nach dem Täter macht. Etwas grob gezeichnet ist eine Szene in einem Café, in der ein Betreuer mit seiner Gruppe wegen der Vorkommnisse im Heim angepöbelt wird; berührend die Szene, in der eine Ärztin Luisa den medizinischen Ablauf eines Schwangerschaftsabbruchs zu erklären versucht.

All diese kleinen Episoden werden nicht auserzählt. Die Kamera konzentriert sich oft in Close-ups auf die Gesichter der Darsteller:innen. Das Betreuungsteam ist zurückhaltend als empathisch agierende Gruppe inszeniert, Spannungen werden angedeutet, auch die Belastungen durch den Schichtdienst. Dabei hängt immer der Verdacht in der Luft, dass einer von ihnen Luisa missbraucht haben könnte. Deutlich wird, auf welch dünnem Eis sich das Personal bewegt. Macht man mit zu viel Empathie die Mitglieder der Wohngruppe von sich abhängig? Wie verhält man sich bei der Körperpflege von Menschen, die ein anderes Schamempfinden haben? All das wird unterlegt mit einem unaufdringlichen Soundtrack (Musik: Insa Rudolph), der die bisweilen melancholische Stimmung dieses behutsamen Films auffängt, der trotz der Brisanz des Themas ohne wohlfeile Schuldzuweisungen auskommt.

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