arte Mediathek: »Disco Boy«
Claire Denis' »Beau Travail« (»Der Fremdenlegionär«, 1999) endet mit einer legendären Tanzperformance von Hauptdarsteller Denis Lavant, in der sich die im Film angestaute Anspannung endlich entlädt. Mit einer ganz ähnlichen Tanzeinlage von Franz Rogowski endet auch Giacomo Abbruzzeses »Disco Boy«, der bei der Berlinale 2023 mit einem Preis für die Kamera (Hélène Louvart) ausgezeichnet wurde, es in Deutschland aber nie ins Kino schaffte. Allgemein gibt es zahlreiche Parallelen zwischen Abbruzzeses Spielfilmdebüt und Denis' Meisterwerk: die elliptische Erzählweise, das Sujet der französischen Fremdenlegion, der postkoloniale Diskurs. Der Weißrusse Aleksei (Rogowski) tritt der Fremdenlegion bei, in der Hoffnung auf die französische Staatsangehörigkeit nach einigen Jahren Dienst. Der Preis dafür ist hoch. Nicht nur ertrinkt sein bester Freund Mikhail (Michał Balicki) bereits auf der Flucht nach Frankreich, Aleksei muss bei einem Einsatz im Nigerdelta zudem erkennen, dass der Erwerb der französischen Staatsangehörigkeit für ihn auch die Aufgabe der eigenen Werte bedeutet. Als Aleksei und sein Team ein Massaker an einem Rebellendorf voller Frauen und Kinder beobachten, würde er gerne eingreifen. Die Ansage seiner Vorgesetzten bleibt jedoch eindeutig: Entführte Franzosen zu finden hat oberste und einzige Priorität.
Dass Abbruzzese als Regisseur sowohl mit fiktiven Kurzfilmen als auch Dokumentationen Erfahrung hat, ist seinem ersten abendfüllenden Spielfilm anzumerken. Während »Disco Boy« zunächst mit gestalterischer Zurückhaltung fast dokumentarisch wirkt – und sich dabei zugleich einen Seitenhieb gegen populistische Vice-Dokumentationen erlaubt –, überrascht Abbruzzese im weiteren Verlauf immer wieder mit visuellen Ausbrüchen. Neben malerischen Bildkompositionen und mythisch aufgeladenen Beleuchtungsmomenten sticht besonders die Sequenz hervor, in der Aleksei auf den Rebellenanführer Jomo (Morr Ndiaye) trifft. Komplett in Infrarot gehalten, scheint sie von Harmony Korines »Aggro Dr1ft« inspiriert und verleiht dem Ganzen passenderweise ein seltsames Gefühl der Andersweltlichkeit.
Für Aleksei ist der Einsatz im Nigerdelta seine Reise ins Herz der Finsternis. Entsprechend drängen sich an mehreren Stellen Assoziationen zu »Apocalypse Now« auf. Am Ende der Begegnung zwischen Aleksei und Jomo wird Letzterer tot sein: Aleksei hat ihn in Notwehr erstochen. Zurück in Frankreich plagen ihn nicht nur Schuldgefühle, sondern auch immer wieder Visionen des Getöteten. Im Kontext des postkolonialen Diskurses lassen sich diese ebenso als Stellvertreter der Ausgebeuteten des »globalen Südens« lesen: Sie suchen ihre Ausbeuter in deren Heimat heim. Der Grund für die Rebellion des »Movement for the Emancipation of the Niger Delta« (MEND), dem Jomo vorsteht, liegt nämlich im Raubbau, den die korrupte Regierung Nigerias gemeinsam mit westlichen Ölfirmen in der Region betreibt. In einer eindrucksvollen Sequenz aus der Vogelperspektive zeigt der Film das verwüstete Brachland, das diese Ausbeutung hinterlassen hat.
In einer Szene gegen Ende finden Aleksei und Jomo Erlösung in einem Nachtclub, der vom Dekor her regelmäßige Berghain-Gänger, die ihren Stammclub gerne als Kirche bezeichnen, besonders ernst nimmt. Jomo, der laut Eigenaussage, wäre er »unter den Weißen« aufgewachsen, gerne Tänzer in so einem Club – ein »Disco Boy« – geworden wäre, scheint hier in Alekseis Körper überzugehen. Unterlegt ist diese finale Sequenz vom ohnehin kongenialen, sphärischen Electro-Soundtrack des französischen Techno- Künstlers Vitalic.
Obwohl das Ende des Films offenbleibt, zeichnet es im Großen und Ganzen ein versöhnliches Bild. Das passt zu einem Film, der sich letztlich zu sehr in einem dichotomischen Schwarz-Weiß-Gut-Böse-Denken verliert. Der Manichäismus, der diesem zugrunde liegt, taugt nicht wirklich zur Analyse der Realität. Wobei man diese, wie der Film zeigt, während einer Clubnacht gerne auch mal vergessen kann. So ist »Disco Boy« zweifellos ein audiovisuell beeindruckendes Filmerlebnis mit starken schauspielerischen Leistungen. Die Ambivalenz jedoch, die zum Beispiel Claire Denis' Filme im Umgang mit (post)kolonialen Themen so herausragend macht, besitzt er nicht.



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