Kritik zu Father Mother Sister Brother

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Wenn Jarmusch ruft, kommen sie alle. Sein sanfter Episodenfilm, für den es in Venedig den Hauptpreis gab, ist geradezu absurd prominent besetzt. Der Titel ist im Übrigen Programm.

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Jim Jarmusch ist immer für eine Überraschung gut. Nach dem skurrilen Zombiefilm »The Dead Don’t Die«, der George A. Romeros politische Tradition in die Trump-Ära überführte, hat er mit »Father Mother Sister Brother« einen betont leisen, intimen Film gedreht, der nicht das große Gesellschaftliche ins Visier nimmt, sondern einen Blick auf die persönlichste Ebene des sozialen Miteinanders wirft: die Beziehungen von Eltern, Kindern und Geschwistern. Zugleich fügt sich der Film stimmig in Jarmuschs Gesamtwerk ein, in dem stilisierte Genre-Reflexionen wie »Dead Man« und »Only Lovers Left Alive« mit realitätsnahen, sanft tragikomischen Charakterstudien wie »Broken Flowers« und »Paterson« Hand in Hand gehen.

»Father Mother Sister Brother« besteht aus drei Episoden. Die erste, »Father«, begleitet zwei erwachsene Geschwister (Adam Driver und Mayim Bialik) ins ländliche New Jersey zu einem Besuch bei ihrem Vater (Tom Waits), den sie offenbar sehr selten sehen. Der Kontrast zwischen den geschniegelten Vorstadt-Sprösslingen mit ihrem blitzblanken SUV und dem Boheme-Vater in seinem leicht verlottert wirkenden Haus am See könnte größer kaum sein – Kinder, sagt man, werden ja oft das Gegenteil ihrer Eltern. Beim Abschied sind beide Seiten froh, nach erfüllter Pflicht wieder ihre Ruhe zu haben.

In der in Dublin spielenden Episode »Mother« absolvieren zwei ungleiche Schwestern (Cate Blanchett und Vicky Krieps) den jährlichen Pflichtbesuch bei ihrer Mutter (Charlotte Rampling), einer Bestsellerautorin von distinguierter Eleganz und Strenge. Hier stellen die Kinder nicht das Gegenteil der Mutter dar, sondern scheinen vielmehr unter deren ausbleibender Anerkennung zu leiden. Bei der formvollendeten Teatime werden Höflichkeiten ausgetauscht, und beim Abschied schwingt auch eine gewisse Melancholie mit.

Die dritte Episode, »Sister Brother«, spielt in Paris und folgt einem aus den USA stammenden Zwillingspaar (Indya Moore und Luka Sabbat), dessen Eltern kürzlich bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sind. Nun müssen die erwachsenen Kinder deren Pariser Apartment räumen, in dem sie auch selbst aufgewachsen sind.

Es passiert nicht viel in »Father Mother Sister Brother«, und in seiner ereignislosen Langsamkeit ist es vielleicht Jim Jarmuschs radikalster Film. Doch gerade der Verzicht auf vordergründige Dramatik verleiht den Begegnungen eine emotionale Tiefe, die sich erst allmählich erschließt. Jarmusch zeigt ein feines Gespür für familiäre Dynamiken, für die unsichtbaren Schranken zwischen alternden Eltern und erwachsenen Kindern, und die ungelenke Art, mit der eigene Rollen und sich verändernde Beziehungen ausgehandelt werden. Es geht um Kommunikation und darum, was sie über Beziehungen sagt, um elterliche Prägungen und Nähe, die zu eigentümlicher Fremdheit wird. In »Father« sind es die Kinder, die nicht aus ihrer Haut können, in »Mother« ist es die Mutter, die am Ende ihre Verantwortung für die emotionale Kluft zu erahnen scheint. Dagegen ist der trauernde Rückblick der Geschwister in »Sister Brother« von Harmonie und Liebe geprägt – trotz des Verlusts wirken sie am glücklichsten. Ihre Geschichte steht auch dafür, dass einem die Bedeutung bestimmter Menschen manchmal erst bewusst wird, wenn sie nicht mehr da sind.

Auf kluge Weise verbindet Jarmusch die Episoden durch wiederkehrende Motive und Themen. Nostalgische Autos fungieren als Sinnbilder gemeinsamer Vergangenheit und Kleidungsstücke in verschiedenen Rottönen als emotionale Gradmesser. Es gibt nachdenkliche Blicke aus dem Fenster, Kaffeetafeln, Gespräche übers Wassertrinken und über Rolex-Uhren – keine Banalitäten, sondern Anspielungen auf Leben, Zeit und Rituale. Besonders auffallend sind die unbekümmerten Skateboarder, die den Weg aller Figuren kreuzen, als würden sie von Geschichte zu Geschichte gleiten. Bei allen Unterschieden zeigt Jarmusch mit diesen Verknüpfungen, dass die Geschichten Bestandteile desselben Kosmos sind: Vater, Mutter, Schwester, Bruder – am Ende ist das für jeden die grundlegendste aller Geschichten.
 

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