Kritik zu Broken Flowers

© Tobis Film

2005
Original-Titel: 
Broken Flowers
Filmstart in Deutschland: 
08.09.2005
L: 
106 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Unter Frauen: Bill Murray im neuen Film von Jim Jarmusch

Bewertung: 5
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Jim Jarmusch, der bis heute keinen »Studiofilm« gemacht hat, ist der letzte wahre Independent des amerikanischen Kinos. Was er selbst nicht gerne hört: das Wort »independent«, hat er gesagt, mache ihn »krank«. Er spricht lieber von »handgemachten« Filmen. Aber ist er dafür, nach 15 Titeln in 25 Jahren, nicht zu gut?

Den echten, den wahren Jim-Jarmusch-Film stellt man sich bislang auf jeden Fall in Schwarzweiß vor. Mit dieser Erwartung bricht »Broken Flowers« radikal. Der Film ist so licht und farbig, wie es noch nie ein Jarmusch-Film war. Statt machohafter harter Kontraste dominiert weiblich-zartes Pastell, und die Farbe Rosa bildet das Leitmotiv: Rosa ist der Brief, der während des Vorspanns in einen Briefkasten geworfen wird. Rosa ist auch das Kostüm von Sherry (Julie Delpy), die in der Anfangsszene Don (Bill Murray) verlässt mit der Begründung, nicht länger mit einem »alternden Don Juan« zusammen sein zu wollen. Rosa sind später der Bademantel von Laura (Sharon Stone), die Visitenkarte von Dora (Frances Conroy), die Hose von Carmen (Jessica Lange) und sogar der Motorradtank von Penny (Tilda Swinton). Und das ist noch längst nicht alles. Die Farbe wird zum Running Gag des Films, und ganz wie in einer »Old School«-Komödie macht das Lachen bei der fünften Wiederkehr erst richtig Spaß.

Das klingt zunächst nach einem verspielten, sogar etwas albernen Einfall. Bald jedoch verkehrt sich das Leitmotiv der rosa Dinge ins ironische Gegenteil: Es führt auf Abwege. Die aber sind im alternativen Verständnis der Gegenkultur, als deren Teil sich Jim Jarmusch noch immer begreift, bekanntlich das Ziel. Was wiederum zur Folge hat, dass man die Handlung des Films zwar nacherzählen, sich dabei aber nie sicher sein kann, ob man erfasst hat, um was es eigentlich geht.

Der erwähnte rosa Brief, ohne Unterschrift und Absender, informiert Don von der Existenz eines 18-jährigen Sohns, von dem er bislang nichts wusste. Äußerlich völlig unbewegt – Bill Murray ist ein Großmeister des »deadpan«-Ausdrucks – nimmt er die Nachricht hin. Mit umso größerem Eifer reagiert jedoch Dons Freund und Nachbar Winston (Jeffrey Wright). Er drängt ihn dazu, eine Liste der in Frage kommenden Frauen zu erstellen, und organisiert flink eine Rundreise zu den vier noch lebenden Ex-Freundinnen, inklusive eines Friedhofsbesuchs bei der fünften. Flugtickets, Mietautos, Straßenkarten, sorgfältigst aus dem Internet kopiert und in einer Mappe versammelt, übergibt er zusammen mit einer selbst gebrannten CD äthiopischer Jazzmusik an den widerstrebenden Don. Der sagt bis zuletzt: »Ich fahre nicht!«, aber angesichts der Überzeugungskraft von Winstons energischem Organisationstalent bleibt es bei verbalen Protesten. Winstons letzter Ratschlag lautet, auf alle Dinge in Rosa zu achten. Die farbigen Hinweise im Haus von Laura, der ersten Station seines eigentümlichen Trips in die Vergangenheit, registriert Don noch mit einem Hoffnungsschimmer in den Augen. Doch mit jeder weiteren Station werden es mehr und mehr und Dons Miene skeptischer. Schließlich gibt es vor lauter rosa Hinweisen keine Spur mehr und sämtliche Gewissheiten verflüchtigen sich.

Darin liegt Jarmuschs Ironie: Das Offensichtliche so ins Überdeutliche zu steigern, dass es wieder zum Geheimnis wird. Er wendet dieses Verfahren im Film gleich mehrfach an. Lolita heißt die pubertierende Tochter von Laura, und sie verhält sich auch so. Don selbst heißt mit Nachnamen Johnston, und drei Mal setzt ihn Jarmusch der amüsierten Nachfrage einer Frau aus: »Don Johnson?« Jedes Mal ist es eine kleine Demütigung, nicht nur, weil der »Miami Vice«-Star längst abgehalftert ist, sondern besonders, weil die Namensähnlichkeit bei seinen Gesprächspartnerinnen ein für Murrays Don wenig schmeichelhaftes Lächeln auslöst. Von Mal zu Mal steigert sich in diesen Momenten die stille Verzweiflung, mit der diese Figur ihr Leben führt. So kommt es, dass aus Verspieltheiten, aus kleinen lächerlichen Einfällen schließlich ein schöner, berührender Ernst wird.

Die Welt, die Jarmusch für diesen Film erfunden hat, scheint einerseits künstlich; sie ist fast unbewohnt, selten sieht man in einer Szene mehr als zwei Personen. Es ist ein Amerika der ruhigen, von sattem Grün gesäumten Nebenstraßen – alle scheinen hier irgendwo in der Peripherie zu wohnen. Das wirkt schließlich wiederum sehr lebensnah, spiegelt sich darin doch ein allgemeines Gefühl des Verpassens: Das wahre, das aufregende Leben findet anderswo statt.

Oder es war in der Vergangenheit. Eine Ahnung davon schwebt über jeder Begegnung von Don mit seinen ehemaligen Geliebten. Denn was sich in der Aufzählung anhört wie eine Nummernrevue mit in erster Linie reiferen Schauspielerinnen, wird bei Jarmusch zu einem melancholischen Meisterwerk über das flüchtige Element der Liebe. Don ist unfähig, auch nur eine der vier Frauen direkt nach dem Sohn oder dem Brief zu fragen. Doch das ist nur die letzte Spitze der großen Unmöglichkeit unter ehemals Liebenden, überhaupt von dem zu sprechen, was war. Selten sind in einem Film Gefühle weniger zerredet worden: Jede Begegnung verläuft anders, aber alle verraten sie im Ungesagten und Angedeuteten mehr als durch Aussprache deutlich würde. So erhält man eine Ahnung davon, dass es mit Laura immer einfach war, aber nie in die Tiefe ging; dass Dora mehr an ihm hing als er an ihr; dass Carmen vielleicht die Frau seines Lebens war, sich dann aber anders orientiert hat, und dass Penny bis heute tief gekränkt ist über etwas, das er gar nicht bemerkt hat. Sie alle könnten den rosa Brief geschrieben haben, vielleicht war es aber auch keine von ihnen. Die Welt ist voller Hinweise – ihnen zu folgen, führt nicht unbedingt zu einer Antwort, aber auf jeden Fall zu einer Geschichte.

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