Kritik zu Dust Bunny
Im Spielfilmdebüt von Bryan Fuller (»Pushing Daisies«) entwickelt sich eine Wollmaus zum gefräßigen Monster. Doch öfter mal staubsaugen?
Kinder in Not suchen Hilfe bei Eltern, Großeltern, echten und oft auch imaginären Freunden. Im Kampf gegen das Monster unter ihrem Bett wendet sich die zehnjährige Aurora (Sophie Sloan in ihrem beeindruckenden Kinodebüt) bestechend pragmatisch an einen Auftragskiller, den von Mads Mikkelsen verkörperten »Intriguing Neighbor«. In seinem Spielfilmdebüt lässt Drehbuchautor Bryan Fuller (»Pushing Daisies«, »Hannibal«, »American Gods«) eine Mischung aus praktischer Logik und bizarrer Fantasie walten, die mit kindlicher Einfallsgabe und erwachsener Gewalt gewürzt ist und Tim-Burton-Morbidität, Wes-Anderson-Fantasie, Anders-Thomas-Jensen-Absurdität und Stephen-Spielberg-Nostalgie verschmelzen lässt.
In einer New Yorker Vollmondnacht, angesiedelt zwischen nostalgischer Vintage-Realität und liebevoll ausgestattetem Kinotraum, fliegt schwerelos eine kleine Wollmaus, im Englischen auch Staubhäschen – Dust Bunny – genannt, durch den Nachthimmel. Über einen Balkon schwebt sie durchs Fenster in ein Kinderzimmer. Über altes Blechspielzeug, handgefertigte Stofftiere und Puppen, ein Steckenpferd und ein Kindertagebuch hinweg gleitet sie in ein Puppenhaus: Völlig klar, hier wird die blühende Fantasie eines Kindes genährt.
Im Flug verbindet sich die erste Wollmaus mit einer zweiten, einer dritten, wird unter dem Bett von Aurora zum keck mit den Ohren wackelnden, luftig liebenswerten Häschen. Doch Aurora liegt bang und starr, mit aufgerissenen Augen und angehaltenem Atem in ihrem Bett, bis sie einen panischen Schrei ausstößt und ihren heraneilenden Eltern verkündet: »Da ist was unter meinem Bett!« und sie aber zugleich warnt: »Berührt den Boden nicht! Es kriegt euch nicht, wenn ihr den Boden nicht berührt!«. Im Laufe des Films wächst das luftige Häschen zum gefräßigen Monster heran, das mit furchterregender Präsenz, riesigen Fangzähnen, gefährlichen Krallen und struppigem Fell durch die hölzernen Dielen bricht und alles zu verschlingen droht, das den Boden berührt.
In der Literatur und im Kino hat es eine lange Tradition, dass die berechtigten Warnungen von Kindern nicht ernst genommen werden, denn was wissen Minderjährige schon? In »Dust Bunny« führt das zu einem faszinierenden Hybrid zwischen kreativer Kinderfantasie und düsterem Horroralptraum, zu einem Buddy-Movie mit zwei Lonern, einem schweigsamen Auftragskiller und einem einsamen Mädchen, das bisweilen an die Allianz zwischen Jean Reno und Natalie Portman in »Leon, der Profi« erinnert. Da die Eltern ihre Angst nicht ernst nehmen, flüchtet sich Aurora mit Decke, Kissen und Stofftier auf den Balkon. Von dort beobachtet sie den Nachbarn im Kampf gegen das, was sie für ein Monster hält, und engagiert ihn kurzerhand. In der detailreich ausgestatteten und vor Fantasie nur so strotzenden Welt dieses Films entwickelt sich zwischen Mads Mikkelsen und Sophie Sloan eine lakonische, zunehmend warmherzige Chemie, die sich weniger aus Worten als aus vielsagenden Blicken speist.



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