Kritik zu Once Upon A Time In Gaza
Wilder Genremix der Nasser-Zwillinge, der subtil mit filmischen Mitteln spielt und Vergangenheit und Gegenwart unmittelbar verknüpft.
Es ist unmöglich, einen Film, dessen Titel mit »Once Upon a Time« beginnt, ohne Assoziationen zu betrachten, etwa mit Blick auf die Werke von Sergio Leone und Quentin Tarantino: den Italowestern, das Gangsterdrama oder die Kinosatire. Endet jener Titel dann aber nicht mit West, America oder Hollywood, sondern mit Gaza, beschwört das unweigerlich aktuelle Bilder des zerbombten Palästinensergebiets, von hungernden Kindern, herumirrenden Menschen herauf. Das Regieduo Tarzan und Arab Nasser verbindet all diese Themen in einem wilden Genremix. Ihr Film handelt vom täglichen Leben dreier sehr unterschiedlicher Figuren, die versuchen, in einem Land zu leben, in dem normales Leben nicht möglich scheint. Angesiedelt ist er im Jahr 2007 und erzählt doch von der Gegenwart.
Osama (Majd Eid) ist ein lebenslustiger Falafelverkäufer. Seine Brottaschen füllt er allerdings nicht nur mit Hummus und Salat, sondern auf Bestellung auch mit Schmerz- und Beruhigungsmitteln. Widerwillig wird er dabei von seinem Mitarbeiter Yahya (Nader Abd Alhay) unterstützt. Der Student ist ein Träumer und Melancholiker ohne rechten Platz in dieser düsteren Stadt. Er sehnt sich nach seiner Mutter, die in Israel unerreichbar für ihn ist. Und da ist noch der korrupte Polizist Abou Sami (Ramzi Maqdisi), der Osama und Yahya auf die Schliche kommt und versucht, Osama zu erpressen. Doch der unerschrockene Kleindealer lässt sich nicht auf das Spiel ein und bezahlt das mit dem Leben.
Zwei Jahre später wird Yahya von einem Regisseur wegen seiner Ähnlichkeit mit einem getöteten Widerstandskämpfer in einem von der Hamas finanzierten Actionfilm besetzt. Das Budget ist klein, die Waffen sind echt, die politischen Verstrickungen eng. Stümperhaft sind diese Dreharbeiten und lebensgefährlich. Eines Tages taucht Abou Sami am Set auf und die Grenze zwischen Fiktion und Realität verwischt, ebenso die zwischen realer und inszenierter Gewalt. In dem Film sind es die Waffen, die den Widerstand manifestieren, bei den Nassers sind es die Bilder. Ein nicht neuer Ansatz. So recht wollen diese beiden Kapitel des Filmes nicht zusammenpassen und sind doch so eng miteinander verwoben, ebenso wie die Vergangenheit die Gegenwart stets überschattet – oder umgekehrt. An den Anfang stellen die Regiezwillinge einen O-Ton von Donald Trump vom Februar 2025. Damals kündigte er an, aus dem Gazastreifen die »Riviera des Nahen Ostens« machen zu wollen. Falafelverkäufer Yahya blickt einmal sehnsüchtig über seinen Tresen auf den Fernseher, wo Bilder der Riviera zu sehen sind. Es ist eine dieser sanften Verwebungen von Realitäten und Fiktion – und eine der zahlreichen Anspielungen auf die Gegenwart.
Immer wieder betonen die Nasser-Brüder, dass sie Geschichten aus dem Alltag erzählen möchten. Der allerdings ist im Nahen Osten immer mit der Politik verbunden. Den Nassers gelingt das in ihrem komplexen Epos subtil, wenn auch manchmal arg konstruiert. Es ist ein Western, ein Actionfilm, ein Märchen, eine Ode an das Kino und ein düsterer Kommentar auf die Lage im Nahen Osten.


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