Kritik zu Delegation

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Die obligatorische Reise zu den Stätten der NS-Barbarei ist für die Abschlussklasse einer israelischen Highschool das letzte Gruppen­erlebnis ihrer Schulzeit

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Klassenfahrten sind, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn, oft Grenzüberschreitungen. Jenseits aller Bildungsaufträge, die mit der Wahl des Ziels verbunden sind, entwickeln sie ihre eigene Gruppendynamik. Freiräume werden ausgetestet, Sympathien, Antipathien, Eifersüchteleien brechen auf. In den Unterkünften sind, zum Verdruss der Begleitpersonen, nächtliche Wanderungsbewegungen zu beobachten.

Das gilt auch für die Abschlussklasse einer israelischen Highschool in Asaf Sabans Spielfilm »Delegation«. Ein Jahr vor dem Start ins Berufsleben oder dem Eintritt in die Armee reisen sie zu den nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern. Die detaillierten Sicherheitsvorschriften, über die sich die Schüler:innen amüsieren, lassen die Reise wie eine Fahrt ins feindliche Ausland aussehen.

Im Mittelpunkt dieser Kombination aus Roadmovie und Coming-of-Age-Film stehen Nitzan (Naomi Harari), der Mädchenschwarm Ido (Leib Lev Levin) und der schüchterne Frisch (Yoav Bavly), eigentlich Omer Frischman, dessen Großvater und Schoah-Überlebender Yosef (Ezra Dagan) die Gruppe bei den Besuchen in Majdanek, Treblinka und Auschwitz begleitet. In abendlichen Gesprächskreisen werden die Erfahrungen der Teilnehmer thematisiert (»Was hat dich heute am meisten berührt?«). Asaf Saban stellt das Ambivalente dieser Situation heraus, wenn er zeigt, wie die jungen Menschen versuchen, die Betroffenheitserwartungen ihrer Lehrkräfte zu erfüllen, und dabei oft nur Formelhaftes hervorbringen. Die Distanz zu dem historischen Geschehen wird auch an Yosef deutlich, der zunehmend Mühe hat, das Interesse der Gruppe an seiner Lebensgeschichte zu wecken. Doch ist es Yosef, der nebenbei in Krakau eine Lokalität erkundet, wohin die etwas mutlosen Freunde nachts ausbüxen können. Und die nächtliche Tour beschert dem braven Frisch dann noch ganz unerwartete Auslandserfahrungen.

Der Film deutet all diese Geschichten nur an. Etwa Frischs kleine Flucht, als er sich einen Tag lang von der Gruppe entfernt und Begegnungen mit polnischen Dorfbewohnern hat. Nitzan nimmt in einer Gedenkstätte einen Schuh mit, den sie in einem Geschäft zwischen Designerschuhe stellt, für ihren Internetauftritt fotografiert und in einem anderen Lager wieder zurücklegt.

Regisseur Asaf Saban ist erkennbar bemüht, die Problematik der angemessenen Erinnerung nicht zu sehr in den Vordergrund zu rücken. Eher beiläufig verweist er auf das Ritualisierte dieser Form des Gedenkens. Sein Interesse gilt in erster Linie den Beziehungen zwischen den Jugendlichen, ihren Erwartungen, Enttäuschungen und ihrer emotionalen Überforderung. Die Lieder, die sie singen (Musik: Assaf Talmudi), darunter sogenannte »Memorial Songs«, die ursprünglich nicht im Zusammenhang mit der Schoah stehen, grundieren diese Stimmung.

Seinen ironischen Blick auf die insistenten Bemühungen, die Sicherheit der Gruppe zu gewährleisten (»Sicherheit ist zur neuen israelischen Religion geworden«, so der Regisseur in einem Interview), wird Saban nach dem Massaker des 7. Oktober 2023 und der neuen Welle des Antisemitismus vermutlich korrigieren.

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