Venedig: Von Marilyn zu Männerfreundschaften

»Blonde« (2022). © Netflix

»Blonde« (2022). © Netflix

Filmfestival Venedig: »Blonde« und »The Son« werden gefeiert und kritisiert, im irischen »The Banshees of Inisherin« verzaubern Colin Farrell und Brendan Gleeson als Eigenbrötler

Der meist erwartete Film des Festivals von Venedig kam diesmal erst kurz vor Ende. Andrew Dominiks »Blonde« mit der Schauspielerin Ana de Armas als Marilyn Monroe bringt mehrere große Themen zusammen, die die Filmbranche derzeit bewegen: Als Netflix-Produktion wirft »Blonde« die Frage nach der Konkurrenz von Streamingportalen und Kino auf. Als Biopic lädt er ein, über die Anziehungskraft von Stars im heutigen Kino nachzudenken. Und dann steht Marilyn Monroes Karriere auch noch beispielhaft für schlimmste sexistische Praktiken in der Filmindustrie und Ausbeutung vor und hinter der Kamera – #Metoo lässt grüßen.

Applaus gab es für »Blonde« bei der Premiere am Donnerstagabend am Lido reichlich; Hauptdarstellerin Ana de Armas zeigte sich während der 14-minütigen stehenden Ovation im Palazzo del Cinema von Tränen überwältigt. Die Reaktionen der Kritiker fielen dagegen weniger schmeichelhaft aus.

Es wäre ein Missverständnis, »Blonde« als Biopic zu bezeichnen. Er verfilmt eine Fiktion anstatt die Lebenswahrheiten der »Norma Jeane«, wie Marilyn bürgerlich hieß, auf die Leinwand zu bringen. Schon die Autorin der Vorlage, Joyce Carol Oates, wollte ihren Roman nicht als Biografie verstanden wissen. Die Adaption übt sich vor allem in Einfühlung: Von den ersten Kindheitsszenen an, in denen man die kleine Norma Jeane unter einer neurotischen Mutter leiden sieht, zieht der Film sein Publikum ganz auf die Seite eines verlorenen Mädchens und seiner Traumata, vom Abgeschobenwerden ins Waisenhaus über die Ausbeutung als Pin-up-Girl bis zu den Übergriffen auf den ersten Casting-Couchs.

Ana de Armas imitiert dabei überzeugend den Modus kindlich-atemloser Naivität, den Marilyn für ihre Auftritte als »dummes Blondchen« kultivierte. In manchmal willkürlich wirkendem Wechsel von Schwarzweiß- zu Technicolor-Aufnahmen stellt Dominik die klassischen Posen und Szenen nach, die noch heute Teil des popkulturellen Gedächtnisses sind. Dieses »Reenactment« macht den würdelosen Umgang mit Monroe fast überdeutlich sichtbar. Jene berühmte Szene aus »Das verflixte siebte Jahr«, in der Marilyn sich von der Abluft des U-Bahnschachts den Rock hochwehen lässt, wird man danach kaum mehr unschuldig schauen können.

Als Hauptmotiv zieht sich Marilyns große Sehnsucht nach dem Vater, den sie nie gekannt hat, durch den Film. Ihre beiden Ehemänner nennt sie »Daddy«. Großartig ihre Darsteller Bobby Cannavale als Ex-Baseball-Star Joe DiMaggio und Adrien Brody als väterlich-intellektueller Arthur Miller. Trotzdem bleibt »Blonde« immer auf der Seite seines innerlich zerrissenen Stars. Es ist diese unbedingte Einfühlung, die »Blonde« so berührend macht, auch wenn der Film darüber die starken Seiten, das Nicht-nur-Opferhafte der Monroe vergisst herauszuarbeiten. Mehrere Oscar-Nominierungen scheinen »Blonde« sicher.

Mit Florian Zellers »The Son« hatte ein weiterer Favorit eine späte Premiere bei dem Festival, das am Samstag zu Ende geht. In dem Nachfolgestück zu »The Father«, für den Anthony Hopkins 2021 den Oscar bekam, steht dem Titel zum Trotz erneut ein Vater im Mittelpunkt: Hugh Jackman spielt Peter, einen erfolgreichen Rechtsanwalt in New York, der mit der zweiten Frau (Vanessa Kirby) gerade ein Kind bekommen hat, als Teenagersohn Nicholas (Zen McGrath) aus erster Ehe Schwierigkeiten macht. Peter möchte ein besserer Vater sein, als es sein eigener war – in einer kurzen Szene spielt wieder Hopkins – und hört sich doch bald die gleichen Sätze sagen, die ihn einst so verbittert haben. »The Son« ist schmerzhafter Film, der es an ästhetischer Raffinement aber nicht mit »The Father« aufnehmen kann. Dennoch gilt Hugh Jackman, der hier in einer starken Charakterrolle glänzen kann, als Preisfavorit für Venedig und Oscar-Saison.

Als Geheimfavorit des Festivals aber bildete sich zum Schluss »The Banshees of Inisherin« von Martin McDonagh heraus, dessen bislang erfolgreichster Film, »Three Billboards Outside Ebbing, Missouri«, 2018 ebenfalls in Venedig Premiere feierte. Mit seinem neuen Film kehrt er erstmals in die irische Heimat seiner Eltern zurück, und das zusammen mit den beiden irischen Stars Colin Farrell und Brendan Gleeson. Der Film setzt sich willentlich ins Abseits: mit seinem Setting, einer kleinen Insel vor der irischen Küste, seiner Zeit, 1923, die Epoche des irischen Bürgerkriegs, von dem Inisherin aber unberührt bleibt, und seinem Thema. Farrell und Gleeson spielen eigenbrötlerische Inselbewohner, die ihr Leben lang miteinander Bier im örtlichen Pub getrunken haben. Nun aber will Colm (Gleeson) plötzlich seine Zeit nicht mehr mit Pádraic (Farrel) verschwenden. Was als Parabel mit skurrilen Humor beginnt, wird zu einer bitteren, tieftraurigen Abhandlung über Männerfreundschaft.

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