Weg mit den Plattitüden! – Das Tokyo International Film Festival

»Working Woman« (Isha Ovedet, 2018)

»Working Woman« (Isha Ovedet, 2018)

Das Tokyo International Film Festival hat sich die Frauenförderung nicht gerade auf die Fahne geschrieben – und stach in diesem Jahr doch durch Filme von Regisseurinnen heraus, die durchaus mehr Aufmerksamkeit an zentraler Stelle verdient hätten

Besucht man als Kritiker ein Filmfestival, das weder in der Größenordnung von Cannes, Berlin oder Venedig daherkommt noch – wie Toronto oder Sundance – von Hollywood dominiert wird, stellt sich meist automatisch ein Gefühl der Entspannung ein. Denn wo die Weltpremieren eher spärlich gesät sind und internationale Prominenz nur sporadisch über den roten Teppich schreitet, nimmt der Druck ab, bestimmte Dinge unbedingt gesehen haben zu müssen. Man kann sich plötzlich beim Stöbern durchs umfangreiche Festivalprogramm statt von Pflichtterminen einfach mal von Neugier und Zufall leiten lassen. Wie nun beim Tokyo International Film Festival, das vom 25. Oktober bis zum 3. November in diesem Jahr zum 31. Mal stattfand.

Ralph Fiennes' gelungenes Biopic »The White Crow« über Rudolf Nurejews Flucht in den Westen etwa lief schon in Telluride und London und wusste nun auch in Tokio nicht nur mit einer spannenden Geschichte, sondern dem auch darstellerisch talentierten Tänzer Oleg Ivenko in der Hauptrolle (sowie Louis Hofmann als seinem Lover) zu überzeugen. Und Jesper Christensen erwies sich im Historiendrama »For Frosten« von Michael Noer auch anderthalb Monate nach der Premiere in Toronto noch als schauspielerische Naturgewalt und gewann in Tokio den Darstellerpreis. Als besten Film zeichnete die Jury unter dem Vorsitz von Brillante Mendoza allerdings Mikhaël Hers' »Amanda« aus, der in Venedig in der Orizzonti-Sektion gelaufen war. Der deutsche Beitrag »Vom Lokführer, der die Liebe suchte...« von Veit Helmer, eine mal wieder recht märchenhaft-folkloristischen Angelegenheit, ging leer aus.

Zu den Höhepunkten im Wettbewerb gehörten jedoch vor allem die beiden japanischen Weltpremieren. Das heimische Publikum legte besonderes Augenmerk auf »Another World« von Junji Sakamoto, schließlich konnte der Regisseur mit Ex-Boyband-Sänger Goro Inagaki einen echten japanischen Promi für eine der Hauptrollen gewinnen. Mit einem Star-Vehikel hatte sein wehmütig-zarter Film dann aber wenig gemein, sondern erwies sich als nachdenkliche Geschichte über Männerfreundschaften, Kleinstadtleben und Soldaten-Traumata. In vielerlei Hinsicht das komplette Gegenprogramm lieferte Rikiya Imaizumis »Just Only Love«. Die Romanverfilmung über eine junge Frau, die sich mit aller Macht auf die Liebe stürzt, obwohl das Objekt ihrer Begierde ihre Gefühle bestenfalls bedingt zu erwidern scheint, entpuppte sich als tragikomisches, sehr frisches und zeitgemäßes Porträt einer japanischen Großstadtgeneration um die 30 und ihrer unterschiedlichen Herangehensweisen an das Thema Beziehungen.

Obwohl von einem Mann inszeniert, überzeugte »Just Only Love« auch durch den Fokus auf die Perspektive seiner Heldin. Ansonsten kam der weibliche Blick beim Tokyo International Film Festival arg kurz: gerade einmal eine Frau schaffte es in den Wettbewerb (die Brasilianerin Gabriela Amaral Almeida mit »The Father's Shadow«), in der Jury waren zwei von fünf Mitgliedern weiblich (trotzdem so viel wie nie zuvor). Auf die Inklusions-Erklärung »50:50 in 2020« angesprochen, die in diesem Jahr etwa von den Festivals in Cannes oder Locarno unterzeichnet wurde, winkte Festivaldirektor Takeo Hisamatsu mit Plattitüden ab: zwar liege Gleichberechtigung auch dem Festival in Tokio am Herzen, aber insgesamt sei man doch überzeugt, dass sich Qualität auf und jenseits der Leinwand ohne Hilfsmaßnahmen durchsetzen werde. 

Dabei konnte man zum Beispiel in der Sektion Japanese Cinema Splash entdecken, dass sich gerade im einheimischen Kino durchaus eine ganze Reihe von Filmemacherinnen finden ließe, denen das Festival eine größere Plattform bieten könnte. »The Manga Master« von Moe Oki, ein Biopic über die japanische Zeichner-Legende Rakuten Kitazawa, oder Mayu Akiyamas Debütfilm »Rent a Friend«, eine etwas andere Beziehungskomödie, entpuppten sich jedenfalls als echte Highlights. Und dass auch junge männliche Regisseure wie Shinya Tamada (»Lust in a Karaoke Box«) oder eben Imaizumi einen komplexen, modernen und durchaus selbstkritischen Blick auf die Geschlechterverhältnisse ihrer Generation werfen, erfreute zusätzlich.

Unterdessen bot das Festivalprogramm aber auch den Raum, ganz andere filmische Regionen unter die Lupe zu nehmen. Focus on Israeli Cinema – so lautete zum Beispiel einer der diesjährigen Schwerpunkte in Tokio, zu dem nicht nur der israelische Oscar-Anwärter (und Festival-Dauergast) »The Cakemaker« gehörte, der seit dem 1.11. auch in deutschen Kinos läuft, sondern auch der Wettbewerbsbeitrag »Tel Aviv on Fire«. Die Komödie von Sameh Zoabi, in der ein Autor einer palästinensischen TV-Serie ausgerechnet einen israelischen Grenzkommandanten in seine Skript-Arbeit verwickelt, schürft nicht unbedingt tief, überzeugt aber mit einem etwas anderen Blick auf den Nahostkonflikt. Und mit Michal Aviads »Working Woman« stammte auch hier einer Festival-Höhepunkte von einer Regisseurin. Kaum ein Film in Tokio erwies sich als so aktuell und gesellschaftlich relevant wie diese Geschichte einer Ehefrau und Mutter (sehenswert: Liron Ben Slush), die schon kurz nach dem Beginn eines neuen Jobs zur hauptsächlichen Brotverdienerin in der Familie wird, sich aber auch bald den unangebrachten Avancen ihres Chefs erwehren muss.

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