Mit dem Autoscooter ins Chaos

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Foto: © Lichter Filmfest

Vom 3. bis 8. April findet das Lichter Filmfest in Frankfurt statt. Auch dieses Jahr haben die Veranstalter für das Filmprogramm ein Überthema ausgewählt: »Chaos«. Dabei beschränkt man sich nicht nur auf die nationalen oder internationalen Filme, sondern bindet das Thema auch in die Veranstaltungsorte mit ein

Die Auflösung bestehender Ordnungen ist seit geraumer Zeit ein gesellschaftliches Dauerthema. Populistische Strömungen finden in der westlichen Welt immer mehr Gehör. Kriege scheinen kein Ende zu finden, die Gesellschaft wirkt instabil und die Stimmung konfliktgeladen. Nicht einmal der Zeitung ist angeblich noch zu trauen. Während der letzte Punkt vom Lichter Filmfest bereits im vergangenen Jahr durch das Thema »Wahrheit« aufgegriffen wurde, widmen sich die Veranstalter des Filmfestivals nun der generellen Unsicherheit, die massenhaft kommuniziert wird. Das aktuelle Chaos von Politik und Weltgeschehen ist Anlass für die Themenauswahl des zum 11. Mal stattfindenden Filmfests und schlägt sich auch inhaltlich in vielen Filmen nieder.

Räumlich gehen die Veranstalter diesmal auch neue Wege. Das Zoo-Gesellschaftshaus wird zum neuen Festivalzentrum. Schon vor einhundert Jahren wurde ein Teil des Gebäudes als Kino genutzt. Dieser Vergangenheit trägt man mit dem Namen »Lichtspiel am Zoo« beim Filmfest Rechnung. Das Thema Chaos wird jedoch nirgends so direkt erfahrbar wie in der Naxoshalle. Hier ist ein per Crowdfunding finanzierter Autoscooter untergebracht. Die Jahrmarktsattraktion zeigt auf verschiedenen Projektionsflächen während der Fahrt visuelle Installationen. Auch die befahrene Fläche wird zur Kinoleinwand. Aber nicht nur der Autoscooter dient als Erweiterung der klassischen Rezeption. Erneut wird das Thema Visual Storytelling beim Filmfest präsent sein und die Lichter Art Awards werden künstlerische Arbeiten mit dem Medium Film prämieren.

Schon ein Blick auf das internationale Programm macht klar, dass Chaos auf vielen verschiedenen Ebenen behandelt werden kann. Der Eröffnungsfilm »Home« kommt so ganz ohne politischen Populismus aus und widmet sich stattdessen dem persönlichen Chaos des Erwachsenwerdens. In diesem belgischen Drama steht eine Gruppe Jugendlicher in der Selbstfindungsphase im Fokus. Allerdings bietet sich dem Zuschauer kein klassisches Teenie-Drama, sondern eindrückliches Autorenkino. Die teils improvisierten Szenen und die eigenwillige Kameraarbeit verleihen dem Film einen dokumentarischen Charakter. Komplett anders inszeniert der philippinische Regisseurs Lav Diaz seinen Film über die Marcos-Diktatur der späten 70er Jahre. »Season of the Devil« feierte auf der diesjährigen Berlinale seine Weltpremiere. Diaz erzählt seine die Geschichten von Unterdrückung und Rebellion mit Hilfe von A Capella-Gesang und hat seinen Film selbst als »Rockoper« bezeichnet. Mit etwas mehr als vier Stunden ist »Season of the Devil« hingegen einer seiner kürzeren Projekte. Auch. »The Green Fog« lief bereits in der Forumssektion der Berlinale und wird von epd Film präsentiert. In diesem Found Footage Film wird das chaotische Element durch die verwendeten Bilder transportiert. Der gesamte Film besteht aus bekannten und weniger bekannten Hollywoodfilmen, die in einer an Hitchcocks »Vertigo« erinnernden Komposition neu zusammengefügt wurden.

Nicht nur auf internationaler Ebene setzen sich Filmemacher mit dem diesjährigen Überthema auseinander. Der deutsche Kultregisseur Rosa von Praunheim sieht im Chaos die Auflösung bestehender Konventionen und untersucht in seinem Film »Männerfreundschaften« die Frage: Wie schwul war Goethe? Von Praunheim stützt seine Inszenierung auf verschiedenste Methoden und schafft damit einen abwechslungsreichen und unterhaltsamen Film. Mit »Nur Gott kann mich richten« bekommen die Besucher des Filmfests auch die Chance nach Kinorelease einen in Frankfurt verorteten Genrefilm auf der großen Leinwand sehen zu können. Der Gangsterfilm, in dem Moritz Bleibtreu die Hauptrolle spielt, überraschte sowohl Kritiker als auch Kinozuschauer schon bei Erscheinen im Januar positiv.

Im regionalen Programm finden dieses Jahr wieder viele Dokumentarfilme eine Bühne. Der Film »Das stille Leuchten« präsentiert inhaltlich einen Kontrast zur chaotischen Außenwelt. Der Dokumentarfilm, der teilweise auch in Frankfurt realisiert wurde, wendet den Blick nach innen und beleuchtet multiperspektivisch das Thema Achtsamkeit. Politischer wird es in »Wildes Herz« von Charly Hübner. Der Film porträtiert Monchi, Freigeist und Sänger der deutschen Punkband Feine Sahne Fischfilet.

In das Festivalgeschehen eingebunden ist dieses Jahr auch die vom Deutschen Filminstitut – DIF und epd Film ausgerichtete Veranstaltungsreihe »Was tut sich im deutschen Film?« Gezeigt wird in diesem Rahmen der Dokumentarfilm »Aggregat«, der den Populismus in Deutschland nach der Vorführung ein Werkstattgespräch zwischen Regisseurin Marie Wilke und epd-Film-Autor Ulrich Sonnenschein.

Zum ersten Mal richtet das Lichter Filmfest einen Kongress aus. Der beschäftigt sich mit der »Zukunft deutscher Film«. Am 05. Und 06. April kommen im Zoogesellschaftshaus verschiedene Experten und Branchenvertreter zusammen und diskutieren Entwicklungen, Tendenzen und neue Wege für die deutsche Filmlandschaft.

Die Wahl für den Abschlussfilm fiel in diesem Jahr auf »In den Gängen«; neben »Transit« der zweite Film mit Franz Rogowski auf dem Lichter Filmfest. Der deutsche Film von Thomas Stuber konnte bereits in Berlin Kritiker mit seiner poetischen Inszenierung einfacher Arbeit für sich gewinnen. Das breite Angebot des diesjährigen Festivals bietet in der ersten Aprilwoche Besuchern nicht nur Anreize, Filme zu hinterfragen und/oder sie einfach zu genießen – sondern vielleicht auch eine gute Möglichkeit, dem alltäglichen Chaos zu entfliehen.

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