Interview mit Lars Kraume über seinen Film »Der Staat gegen Fritz Bauer«

Zwischen Wirtschaftswunder und den Gespenstern des Krieges
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Der in Frankfurt am Main aufgewachsene Regisseur studierte an der Berliner dffb. Sein mit dem Grimme-Preis ausgezeichnetes Debüt »Dunckel« (1998) handelt von drei verkrachten Brüdern, die sich nach Bankraub und Mord auf der Flucht befinden. Kraume hat verschiedene »Tatorte« inszeniert, unter anderem mit Joachim Król und Axel Milberg. Seinen Science-Fiction-Film »Die kommenden Tage« wählten die Leser von epd Film zum besten Film des Jahres 2010

epd Film: Sie sind Jahrgang 1973. Wann ist Ihnen der Name Fritz Bauer zum ersten Mal begegnet?

Lars Kraume: Erstaunlicherweise erst vor fünf Jahren, als mein guter Freud und Koautor ­Olivier Guez ein Buch mit dem Titel »Heimkehr der Unerwünschten« veröffentlichte. Darin ging es um die Rückkehr der Juden nach Deutschland nach 1945. Er hat verschiedene Leute porträtiert, und da tauchte auch im Zuge der Auschwitz-Prozesse der Name Fritz Bauer auf. Wir wollten einen Kinofilm machen, der sich auf die schizophrene Situation der 50er Jahre konzentrieren sollte, wo einerseits das Wirtschaftswunder boomte und andererseits die Gespenster des Krieges noch an jeder Ecke sichtbar waren. Da erschien uns die schillernde Person Fritz Bauers als die Figur, an der man am meisten erzählen kann.  

Fritz Bauer hat eine interessante Biografie. Warum haben Sie sich auf das Eichmann-Kapitel beschränkt?

Weil aus interessanten Biografien erstaunlich oft sehr langweilige Filme werden. Biopics sind in dramaturgischer Hinsicht ein schwieriges Genre, weil sie meistens der Abfolge der biografischen Ereignisse folgen. Das führt selten zu einer spannenden Erzählung, sondern allenfalls zu einer Anhäufung interessanter Fakten. Die Beschränkung auf das Kapitel Eichmann gab uns die Freiheit, auch wirklich etwas über Fritz Bauer zu erzählen. 

Sein Ziel, Eichmann in Deutschland vor Gericht zu stellen, hat er nicht erreicht. Wie hätte ein Eichmann-Prozess in Deutschland ausgesehen?

Bauer ging es ja um den gesellschaftlichen Prozess, den dieses Gerichtsverfahren in Deutschland hätte auslösen können. Eichmann einfach aufzuhängen – das war überhaupt nicht in seinem Sinne. Er hätte den Prozess dazu benutzt, all die Nazis zu benennen, die in der jungen Bundesrepublik leitende Positionen innehatten. Eine Figur wie Globke wäre dann nicht haltbar gewesen.

Sehen Sie Bauer auch als Wegbereiter der Studentenrevolte? 

Da bin ich mir ziemlich sicher. Frankfurt war für die Studentenbewegung auch deshalb so ein reges Pflaster, weil dort Vordenker wie Bauer oder auch Adorno lebten. Bauer war allerdings von der Militanz der Studentenbewegung ganz und gar nicht begeistert. Und der neue Antisemitismus, der aufgrund der Nahostpolitik Israels aufkam – das war für Leute wie Bauer schrecklich.

Bauer war homosexuell. Wie sind Sie an diesen Aspekt seiner Biografie herangegangen?

Anhand von Bauers Homosexualität konnten wir vor allem zwei Dinge zeigen: Zum einen die Opferbereitschaft dieses Mannes, der sich für seine Ziele die eigene Sexualität versagte. Bauer konnte es sich in seiner Position nicht leisten, sich als Homosexueller strafbar zu machen. Darüber hinaus vermittelt dies auch ein Gefühl für die Zeit, in der Homosexualität nach dem berüchtigten § 175 in der von den Nazis verschärften Form kriminalisiert wurde. Hier zeigt sich exem­plarisch, dass die junge Bundesrepublik sich noch längst nicht von den Moralvorstellungen des »Dritten Reichs« frei gemacht hatte.

Sie vermeiden in Ihrem Film Rückblenden in die Zeit des Nationalsozialismus. Könnten Sie sich vorstellen, einen Film zu drehen, der direkt in dieser Zeit spielt? 

Ich war froh, dass mir die Geschichte Fritz Bauers die Möglichkeit gab, alles, was mit Holocaust zu tun hat, in den Subtext zu legen. Ich wollte nicht in die Verlegenheit kommen, einen weinenden Auschwitz-Überlebenden vor der Kamera zu zeigen. Das halte ich für verlogen. Wenn man Claude Lanzmanns Shoah gesehen hat, weiß man, dass kein Schauspieler so etwas spielen kann. Ich würde mich schwer tun, einen Film zu drehen, der das Leiden im KZ oder die Gewalt der Nazis ausbeutet.

Was würde ein Mann wie Fritz Bauer zur heutigen Asyldebatte sagen?

Er würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, denn er wusste ja aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, im Exil zu überleben. Bauer war ein überzeugter Humanist, und für ihn kam das Recht auf Menschenwürde immer an erster Stelle. Gleichzeitig war Bauer immer auch ein Realist, der einen genauen Blick dafür hatte, was man einer Gesellschaft zumuten kann. Der unrealistischen Vorstellung, dass ein Land wie Deutschland aufgrund seiner Geschichte allen Flüchtlingen offen stehen muss, würde er sicher nicht zustimmen. 

Ihr Film »Die kommenden Tage« hat vor fünf Jahren in Form eines Science-Fiction die Flüchtlingssituation thematisiert. Holt die Wirklichkeit die Fiktion ein?

Dafür muss man kein Prophet sein. Der Sturm an Flüchtlingen kommt ja nicht über Nacht. Es ist schon lange klar, dass das Flüchtlingsproblem eines der drängendsten Themen unserer Zeit ist. Die heutige Situation ist vor allem das Ergebnis politischer Versäumnisse.

... zur Kritik: »Der Staat gegen Fritz Bauer«

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