Kritik zu Wuthering Heights

© Warner Bros. Pictures

Emerald Fennell macht aus Emily Brontës Roman eine schillernd düstere ­Märchenfantasie

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Relativ am Anfang des Films läuft Cathy Earnshaw über die Felder zum Nachbarhaus. Neugierig und fasziniert lauscht sie vom Mauerrand den schwärmerischen Erzählungen von Isabella Linton, die ihrem Bruder Edgar von Shakespeares »Romeo und Julia« erzählt, ein früher Hinweis auf die große, tragische Liebesgeschichte, die sich auch in diesem Film entfalten wird.

Niemand dürfte von Emerald Fennell (»Promising Young Woman«, »Saltburn«) eine historisch akkurate Verfilmung des viktorianischen Klassikers »Wuthering Heights« erwarten. Um jedes Missverständnis zu vermeiden, hat die Regisseurin den Titel ihrer ersten Romanadaption in Anführungszeichen gesetzt, denn schließlich könne ein Film immer nur eine von vielen Versionen eines Buches sein. Schon unzählige Male wurde der Stoff seit 1920 verfilmt, unter anderen von William Wyler (mit Merle Oberon und Laurence Olivier), Luis Buñuel, Jacques Rivette, Peter Kosminsky (mit Juliette Binoche und Ralph Fiennes) und 2011 erstmals von einer Frau, Andrea Arnold.

Ausdrücklich dockt Emerald Fennell an die überschwänglichen Gefühle an, die sie als Teenager beim Lesen »der größten Liebesgeschichte aller Zeiten« empfunden hat. Wie die meisten der zahlreichen Verfilmungen beschränkt auch ihre Version sich auf die erste Hälfte des Romans. Was Fennell entschieden hinter sich lässt, sind die sittlichen Restriktionen des viktorianischen Zeitalters, stattdessen stürzt sie sich auf den Schwingen ihres Kameramanns Linus Sandgren mit enormem Drive in den Strudel der Leidenschaften. Gibt es im züchtigen Buch keinen einzigen Kuss zwischen Cathy und Heathcliff, fliegen zwischen Margot Robbie und Jacob Elordi die Funken, schon ein riesiger Fisch in Aspik, frisch aufgeschlagene Eidotter oder ein Klumpen Hefeteig werden da zum Ziel erotischer Erkundungen. Statt von idealisiert romantischen HeldInnen erzählt Fennell von selbstzerstörerischen Wesen mit toxischen Abgründen und sadomasochistischen Tendenzen.

Dieses »Wuthering Heights« bewegt sich im Spannungsfeld zwischen sinnlich leidenschaftlicher Unmittelbarkeit und schillernd überhöhter, düsterer Märchenhaftigkeit. Hier das schummrig verfallene Haus der verarmten Familie Earnshaw, das von der Natur malerisch zurückerobert wird, während sich die Flaschen des saufenden Vaters in den Ecken zu ästhetischen Gebirgen auftürmen. Dort das durchgestylte Anwesen der reichen Lintons, mit spiegelglatten, blutroten Fußböden zu strahlendweißen Wänden, und einem Kamin, von dem ein Meer aus weißen Händen skulptural zur Decke wächst. Die Wände in Cathys Raum sind eine fast organisch anmutende Nachbildung ihrer Haut, mit Adern, Muttermalen und Hautrötungen. Die Kostüme (Jacqueline Durran) scheren sich nicht um historische Akkuratesse, sind stattdessen auf den dramatischen Effekt zugeschnitten, mit luftig wehenden Schleiern und weit ausladenden Röcken, die mal knisternd zellophanartig, mal wie aus schwarzem flüssigem Metall gegossen oder aus rotem Lackleder geformt sind, während Zöpfe wie Korsagen geschnürt und Locken kunstvoll verschlungen sind. So wie die nebelverhangenen Moorlandschaften mit rauen Felsen und bizarren Baumsilhouetten spiegeln auch Sets und Kostüme mit ihren überwältigenden audiovisuellen Reizen die mal schwelgerischen, mal dramatischen Gefühle.

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