Kritik zu Wo bist du, João Gilberto?

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Sechs Jahrzehnte nach dem Durchbruch des Bossa Nova begibt sich der Dokumentarist Georges Gachot auf die Suche nach dessen Erfinder João Gilberto, der sich gründlich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat

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Sein Verschwinden muss vielleicht gar nicht so sehr überraschen, wenn man auf seine Stimme hört. Sie klang immer schon entrückt: klein, sanft und leise. Jeden Augenblick schien sie bereit, davonzuschweben. Und kündigte nicht der Titel seines ­ersten Albums bereits einen Abschied an? »Chega de saudade«, Schluss mit der Sehnsucht, hat João Gilberto es listig genannt.

Aber natürlich war das erst der Anfang, denn im Bossa Nova, den er der Legende nach 1958 in einem winzigen Badezimmer mit unbestechlicher Akustik erfand, hat das Sehnen seinen schönsten musikalischen Ausdruck erhalten. Seit 1980 hält der Komponist, Sänger und Gitarrist sich versteckt; vermutlich in einem Hotelzimmer in Rio. Nur seiner geschiedenen Frau Miucha, seiner Tochter Bebel und seinem Manager gewährt er sporadisch Zutritt in sein Leben. Das mag ein tristes Dasein sein (er telefoniert gern), im Hinblick auf seine Legende ist die Abkehr von der Welt aber ein geschickter Schachzug: Längst ist er selbst zum Objekt brennender Sehnsucht geworden.

Der Schweizer Georges Gachot, der bereits einige Dokumentationen über die populäre Musik Brasiliens gedreht hat, ist auch von ihr ergriffen. Das bekundet er oft genug im Off-Kommentar seines Films, den er in einem angemessen geflüsterten, brüchigen Deutsch spricht. Eine lyrische Bestimmung mag man dem Mann mit der hageren Gestalt und dem kantigen Gesicht auf Anhieb nicht unterstellen – wohl aber die Ausdauer für das Vorhaben, einen Menschen zu treffen, der für andere nicht mehr existieren will. Und er besitzt die Fähigkeit, etwas anzurühren in den Zeugen, die ihm bei seiner Suche helfen sollen. Er stellt eine Vertrautheit her, die in geteilter Liebe zu der kompliziert volkstümlichen Musik Gilbertos gründet. Im Verlauf seines Films stellt sich jedoch zusehends die Frage, in wessen Namen er das tut.

Denn im Wesentlichen bewegt er sich auf den Spuren des deutschen Journalisten Marc Fischer, der vor sieben Jahren ein Buch über seine eigene Gilberto-Suche schrieb, dessen Veröffentlichung er nicht mehr erlebte. In ihm entdeckt Gachot einen Seelenverwandten, dem er postum näher- kommen will; das filmische Zeugnis zweifacher Vergeblichkeit, denn Sehnsucht ist unteilbar. Nichts ist unmittelbar an Gachots Recherche, alles wirkt gefiltert. Wie gut, dass die Menschen, die er befragt, so lebhaft und einnehmend sind!

Gilbertos Musik dringt nur langsam in den Film hinein. Gachot verlässt sich nicht auf ihre einschmeichelnde Kraft; seinen größten Hit, »The Girl From Ipanema«, spielt er fast verschämt an. Dank dieser Zurück­haltung kann sich ihre Wirkung langsam entfalten: Wir dürfen sie entdecken. Auf dem Weg ist viel zu erfahren über den Künstler und Menschen. Und mit der Zeit schwindet die Lust, das Phantom kennenzulernen, und die Zweifel wachsen, ob sich damit tatsächlich ein großes Versprechen erfüllen könnte. Menschenscheu ist ja nicht zwangsläufig ein Anzeichen der Weisheit. So wird Gachots filmische Recherche zu einer schönen Illustration von Saudade, jener Sehnsucht, die wachsam nach dem Unerreich­baren strebt.

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