Kritik zu Wir, die Wolfs
Dokumentarfilmer Darío Aguirre begibt sich auf die Spuren seines Ururgroßvaters Theodor Wolf und trifft auf ein Geflecht aus Verwandtschaften rund um die ganze Welt
Der Wissenschaftler Theodor Wolf ist in zwei Ländern ein geehrter Mann. In Deutschland wird der 1841 geborene Geograf und Geologe (nicht zu verwechseln mit dem Journalisten Theodor Wolff) mit einer Gedenktafel an seinem letzten Wohnort in Dresden geehrt. In Ecuador, wo der zum Darwinisten bekehrte Jesuit als junger Mann von 1870 bis 1891 erst als Professor und dann als Nationalgeologe wirkte, wurden neben Straßen und Schulen auch eine Insel und ein Vulkan nach ihm benannt. Kartografie und Wasserversorgung des Landes zehren bis heute von seinen Taten.
So erzählt es auch Darío Aguirre in seinem jüngsten Film, der sich wie »Césars Grill« und »Im Land meiner Kinder« seinem Familienumfeld widmet. Der in Ecuador geborene Regisseur ist selbst ein Ururenkel Wolfs und wurde von seiner Großmutter im Namen des Ahnen zum Schulfleiß angehalten. Jetzt sitzen sie in ihrer gediegenen Wohnung über einem Stammbaum, auf dem oben neben dem Foto des Stammvaters und seinen ersten fünf Kindern eine doppelte Leerstelle sitzt. Denn die Urahnin der Familie war als indigene Frau wohl des Besuchs im Fotostudio nicht würdig. Und für Abuela Glorita wäre die Präsenz von Jacinta Pasaguays im Familienalbum ein Schandfleck für alle Zeiten: »Wir können sie niemals in die Familie aufnehmen«, sagt sie zu ihrem Enkel. Später: »Immer wieder passiert so etwas mit Hausmädchen dieser Klasse.«
Darío forscht weiter – und wird an verschiedenen Orten mit manchmal widersprüchlichen Ergebnissen zu Jacintas Identität fündig. Doch er stolpert auch über das auf andere Art exklusive Familienbild im deutschen Zweig der Familie, den Theodor Wolf später mit einer aus Deutschland zugewanderten Lehrerin gründete. Denn in deren Stammbaum (wie auch einer 2009 veröffentlichten Biografie) tauchte der ecuadorianische Teil der Familie nicht auf – wohl auch weil Wolf diesen schon in seinen mit »Wahrheit ohne Dichtung« benannten privaten Lebenserinnerungen unterschlug. Mehr Bewusstsein gibt es bei einer in Dresden lebenden Ururenkelin, die der Regisseur besucht.
Aguirre erzählt seinen Film impressionistisch, ohne eindeutige Einordnung der Recherche durch Chronologie und Bauchbinden und zum Glück auch ohne die obligatorische große Familienzusammenführung am Ende. Stattdessen gibt es als Rahmung eine poetische Hommage an die verdrängte indigene Mutterschaft (mit etwas klischeehafter Wassermetaphorik). Vor allem aber erhalten die heutigen Nachfolgerinnen von Jacinta, die immer noch allüberall in den bürgerlichen Haushalten Ecuadors ihre Arbeit verrichten, bleibende Würdigung durch unübersehbare Präsenz im Hintergrund vieler Szenen. Als Bonbon gibt es noch den genetischen Herkunftsnachweis des Regisseurs selbst, der mit seinen ethnischen Zuordnungen als wunderbar subversives antinationalistisches Pamphlet durchgehen kann: Neben einer mesoamerikanischen Majorität sind da nämlich große Anteile sardischer, italienischer, irischer, nordafrikanischer, iberischer und nigerianischer Herkunft – während Theodor Wolfs schwäbische Geburtsheimat nur als »Randoption« genannt wird.






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