Kritik zu The Whispering Star

© Rapid Eye Movies

2015
Original-Titel: 
Hiso hiso boshi
Filmstart in Deutschland: 
26.05.2016
R: 
B: 
L: 
100 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Der japanische Regisseur Sion Sono setzt mit einer Art minimalistischer Weltraumoper den Opfern des Tohoku-Erdbebens und Tsunamis aus dem Jahr 2011 ein Denkmal

Bewertung: 4
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 1)

Sion Sono, der unermüdliche japanische Punk-Poet, hat allein im Jahr 2015 fünf Spielfilme gedreht. Meist sind seine Filme schrill, schnell, bunt und überlang. »The Whispering Star« ist das genaue Gegenteil. Er ist leise, langsam, in schwarz-weiß und hat normale Spielfilmlänge.

Das japanische Erotikmodel Megumi Kagurazaka, bekannt aus Sion-Sono-Filmen wie »Guilty Of Romance« (2011), »Cold Fish« (2011) oder »Why Don't You Play In Hell« (2013), spielt den stets nur flüsternden Androiden ID 722 Yoko Suzuki. In ferner Zukunft besteht achtzig Prozent der Population aus intelligenten Robotern. ID 722 ist ein künstlicher, nicht alternder Paketbote, der mit einem computergesteuerten Raumschiff in der Form eines alten japanischen Einfamilienhauses an die einsamsten Orte des Universums reist, um den dorthin evakuierten letzten Menschen scheinbar bedeutungslose Dinge zu überbringen. Fotonegative, Zigarettenstummel, einen Bleistift, tote Schmetterlinge. Erinnerungsstücke an vergangene Zeiten und verlassene Orte. Autor und Regisseur Sion Sono bezeichnet seinen Film als »ein kleines Gedicht über das Verblassen von Erinnerungen«. Damit kann der Android Yoko Suzuki natürlich wenig anfangen. Auch dem Bordcomputer mit der zarten Kinderstimme sind Sentimentalitäten fremd.

Die Szenen auf den fernen Planeten sind in den zerstörten Gebieten um Fukushima gedreht worden. Die letzten überlebenden Menschen werden von Laiendarstellern aus der Region Tohoku im Nordosten Japans dargestellt. Es sind Menschen, die ihre Angehörigen, ihre Heimat, ihre gesamte Existenz verloren haben. Sie sitzen apathisch wartend zwischen ihren verwüsteten Häusern und gestrandeten Fischerbooten an der Pazifik­küste. Bis Yoko Suzuki ihnen ein Paket mit persönlichen Erinnerungen zustellt und für kurze Zeit die bedrückende Apathie durchbricht. In diesen Momenten scheint dann auch ein Funke von Menschlichkeit zu dem Androiden ID 722 überzuspringen.

Bedrohlich aufbrausend bäumen sich immer wieder die Wellen an der Küste im Bildhintergrund auf. In Bildern wie diesen wird klar, dass die Geschehnisse vom März 2011 in Japan in erster Linie als Naturkatastrophe empfunden werden. Das sogenannte Tohoku-Erdbeben und der nachfolgende Tsunami haben mehr als 18 500 Menschen das Leben gekostet. Die nachfolgende Nuklearkatas­trophe im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi wird nur als ein Teilaspekt der andauernden Tragödie empfunden. Fünf Jahre sind seit dem größten Erdbeben in der Geschichte Japans und dem Tsunami vergangen. Die Natur hat sich einst bevölkerte Gebiete zurückerobert. Die hier umherirrenden verlorenen Seelen der Menschen aus der Region Fukushima fängt Kameramann Hideo Yamamoto (auch bei uns bekannt durch seine Arbeit an Filmen wie »Hana-Bi«, »Audition« oder »Ring 2«) voller Demut für die minimalistische Weltraumoper »The Whispering Star« ein. So sieht würdevolle Trauerarbeit auf Japanisch aus. Konsequenterweise sind die einzigen Menschen, die im Vorspann dieses filmischen Gedichtes Erwähnung finden, die Einwohner der Präfektur Fukushima.

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