Kritik zu We Want Sex

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Anderswo mag der Sommer der Liebe im Gang sein, doch die englischen Arbeiterinnen aus der Ford-Fabrik wollen keinen Sex, sondern sexual equality. Angeführt von der quirligen Sally Hawkins, initiieren sie 1968 den ersten Frauenstreik der britischen Geschichte

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Am Anfang setzt Nigel Cole auf deftige Kontraste. Die Titelsequenz mit ihrer Splitscreen-Montage führt den schönen Schein der Sixties-Werbeästhetik vor, sie stilisiert die englische Autostadt Dagenham zum Quell von Luxus und Eleganz, ihr Produkt zum Objekt der Begierde. Wie trist und trostlos dagegen die Fabrikhalle, in der die Näherinnen Ledersitze fertigen: eine beengte Bruchbude mit maroden Wänden und morschem Dach, so heiß, dass die Frauen sich während der Arbeit bis auf die Unterwäsche entkleiden.

Doch es geht nicht nur um den Unterschied zwischen Illusion und Wirklichkeit. Cole stellt, eher beiläufig, auch zwei Frauenbilder einander gegenüber: hier die artifiziellen, in ihrer Lüsternheit karikaturhaft überzeichneten Models, die dem Mann am Steuer bedingungslos zu Füßen liegen, dort die working class girls an ihren Nähmaschinen, Frauen aus Fleisch und Blut, die selbst im BH ihre Würde und Eigenständigkeit bewahren. Opfer sind freilich beide. Die einen werden auf Sexobjekte reduziert, die anderen knallhart ausgebeutet.

»We Want Sex« spielt 1968, im Jahr des Aufbruchs. Der Film beginnt – ähnlich wie die etwas früher angesiedelte Serie »Mad Men« – genau an dem Punkt, an dem die traditionellen Geschlechterrollen noch gelebt, aber zunehmend infrage gestellt werden. Zwar setzt Nigel Cole weniger auf die Schärfe und Bissigkeit des US-Formats als auf den sanften feministischen Charme, der schon »Kalender Girls« zu einer frivolen, aber niemals grimmigen Komödie machte. Doch auch er führt die unterschiedlichen, aus heutiger Sicht oft unglaublichen Spielarten von Machismo und Unterdrückung vor, die den privaten Raum genauso prägen wie die berufliche Sphäre. Man fühlt sich eher in die 50er Jahre versetzt als in die Swinging Sixties, die ein paar Meilen weiter, im Herzen Londons, im Gang sind, so grau in grau, so verklemmt und verbissen, so engstirnig und repressiv ist das Leben rund um die Fabrik von Dagenham.

Höchste Zeit also für eine Revolte, für einen zünftigen Aufstand der Weiblichkeit. Im Zentrum steht der erste Frauenstreik der englischen Historie: 187 Frauen gegen den Rest der Welt – eine winzige Gruppe verglichen mit den 55.000 Männern, die bei Ford beschäftigt sind und deutlich besser behandelt und bezahlt werden. Der Ausstand, zunächst nur eine lokale Kuriosität, dann ein nationales Phänomen, dreht sich natürlich nicht um Sex, wie es Filmtitel und ein halb ausgerolltes Transparent während einer Demonstration kurzzeitig glauben machen, sondern um »sexual equality«, die Gleichstellung der Geschlechter.

Rita O'Grady, von Sally Hawkins mit der gewohnt hinreißenden Mischung aus Quirligkeit und Fragilität gespielt, durchläuft stellvertretend für die Frauen ihrer Generation einen emanzipatorischen Prozess. Zu Beginn vermag sie kaum dem selbstherrlichen, Kinder schlagenden Lehrer die Meinung zu sagen, doch schon beim ersten Treffen mit den Firmen- und Gewerkschaftsbossen macht sie den Mund auf, setzt deren Arroganz gesunden Menschenverstand entgegen. Widerwillig zunächst, dann mit zunehmender Entschlossenheit mausert sich Rita von der unpolitischen Ehefrau und Mutter zur charismatischen Anführerin des Protests, von der grauen Maus zur schillernden Streikikone. Sie löst Schockwellen aus, die sukzessive alle gesellschaftlichen Bereiche erfassen, von den eigenen vier Wänden, in denen Ritas Mann Eddie (Daniel Mays) mit Minderwertigkeitsgefühlen zu kämpfen hat, bis zur US-Konzernspitze, die zum Gegenangriff bläst und einen rücksichtslosen Troubleshooter in die englische Dependance entsendet.

Dass Ritas politische Mission so glatt und erfolgreich verläuft (der Streik führte in England zur Etablierung eines Gleichstellungsgesetzes), ist für Cole und seinen Autor William Ivory eine echte Herausforderung. Nachdem sich die feministische Lawine erst einmal gelöst hat, ist ihre Unaufhaltsamkeit allzu evident. Die dramaturgischen Hindernisse, die das Drehbuch da noch bereithält – ein tragischer Nebenplot um einen traumatisierten Kriegsveteranen, eine mäßig spannende Abstimmung auf dem Gewerkschaftskongress –,wirken denn auch aufgesetzt. Dass »We Want Sex« trotzdem nicht als dröge Lehrstunde daherkommt, verdankt der Film neben dem heiter entspannten Erzählduktus vor allem seinem großartigen Look. Die Kombination von Widescreen, langen Brennweiten und Zeitlupen verleiht den Bildern von Kameramann John De Borman einen Hauch von Grandiosität. Dazu kommt eine sorgfältige Ausstattung, die das 60er-Jahre-Gefühl evoziert, ohne auf gängige Klischees zurückzugreifen. So entsteht eine irgendwie märchenhafte Mischung aus Realismus und Künstlichkeit, die ihren Höhepunkt und Abschluss in der Frauen-Power-Allianz zwischen den Streikenden und der zuständigen Ministerin Barbara Castle (Miranda Richardson) findet, die in Westminster von einer schlaffen Männerriege umgeben ist und genauso um Anerkennung und Gleichberechtigung kämpfen muss wie alle anderen Frauen auch.

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