Kritik zu Wajib

OmU © Mec film

Und man muss immer Danke sagen: Annemarie Jacir schickt ein Vater-Sohn-Gespann im palästinensischen Nazareth auf Rundgang durch die Großfamilie, um eine Hochzeitseinladung zu übergeben

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Tradition steht für sozialen Zusammenhalt, kann aber auch eine gnadenlose Fessel sein. Diese zwiespältige Erfahrung macht der palästinensische Architekt Shadi, der anlässlich der bevorstehenden Hochzeit seiner Schwester aus dem italienischen Exil in seine israelische Geburtsstadt Nazareth zurückkehrt. Gemeinsam mit seinem Vater, einem angesehenen Lehrer, plant er die Festivität. Gemäß einer alten Tradition dürfen die schriftlichen Einladungen nicht postalisch zugestellt werden. Mit einem klapprigen Volvo tingeln Vater und Sohn von Haus zu Haus, um bei der Übergabe des jeweiligen Briefumschlags skurrile Dinge zu erleben.

Was nach einer platten Komödie klingt, basiert auf einer klugen Drehbuchidee. Mit ihrer autobiographisch gefärbten Geschichte thematisiert die Regisseurin und Autorin Annemarie Jacir parabelartig die Krux jener clanartigen Großfamilien, die unter Muslimen ebenso anzutreffen sind wie im Kulturkreis arabischer Christen, aus dem sie stammt. Diese elementaren Strukturen der Verwandtschaft sind umfangreich. Deshalb müssen Vater und Sohn auf einer Odyssee durch verwinkelte Gassen Hunderte von Einladungen übergeben.

Stippvisiten bei nahen und nicht ganz so nahen Angehörigen führen mit grimmiger Komik vor Augen, wo es in der palästinensischen Comunity überall hakt. So wird den Boten an jeder Station dieses kammerspielartigen Roadmovies Gebäck und Alkohol weniger gereicht als aufgedrängt. Die vermeintliche Gastfreundlichkeit der Angehörigen entpuppt sich als Netz sozialer Zwänge, die der Film vergnüglich auslotet. Der Sohn verkörpert anfangs die Außenperspektive. Als Architekt ist ihm die Vermüllung und Verwahrlosung des palästinensischen Viertels ein Dorn im Auge. Besonders schlimm: grelle Plastikfolien, mit denen seine Landsleute ihre Balkongeländer verschandeln. Als der ­Vater nebenbei eine solche Folie kauft – weil die Schwester es so will – wird ein Geflecht unliebsamer Kompromisse sichtbar, dem keiner entkommt: weil in der eng aufeinander hockenden Community jeder jeden beobachtet und kontrolliert.

Am Ende geht es also weder um die Hochzeit, die gar nicht ins Bild gesetzt wird, noch um den Zwist zwischen Vater und Sohn – der allerdings darstellerisch überzeugend gelöst ist, weil Saleh Bakri tatsächlich der Sohn von Mohammad Bakri ist. Da die Israelis nur schattenhaft in Erscheinung treten, wird auch der Nahostkonflikt nicht verantwortlich gemacht für mannigfaltige Disruptionen, die der Film mit selten gesehener Präzision durchdekliniert: Wie sehr die Palästinenser einander außerhalb der Clanstruktur achten, zeigt sich daran, dass jemand dem Nachbarn einfach so den Müll in den Garten wirft. Und an der Tankstelle kommt es wegen Vordrängelns nebenbei zu einer Massenschlägerei – als ob man auf nichts anderes gewartet hätte.

Derartige Randbobachtungen fügen sich zu einem nuancierten Sittenbild. Das vordergründige Idyll einer Großfamilie erweist sich als Spießrutenlauf: Im Clan nimmt jeder jeden in emotionale Geiselhaft. Und so blockieren sich alle gegenseitig. Die Filmemacherin zieht dieses düstere Fazit mit erstaunlicher Heiterkeit.

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