Kritik zu Von Menschen und Göttern

© NFP, Warner Bros.

Ebenso wie die großen Filme aus Frankreich, die in den letzten Jahren international Furore gemacht haben – »Die Klasse«, »Ein Prophet« –, wählt Xavier Beauvois einen Mikrokosmos, um von Integration zu erzählen

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Ein anderer Anfang wäre denkbar gewesen, naheliegender, vielleicht gar logischer. Ein anderer Regisseur hätte seinen Film wohl damit beginnen lassen, wie ein Tag im Kloster bei Tibhirine anbricht und die Mönche sich zum Morgengebet versammeln. Er hätte sogleich die Innenansicht des Ortes gewählt, an dem sich der Film weitgehend aufhalten wird, und dem Zuschauer so die Möglichkeit eröffnet, sich in dem Rhythmus des Klosterlebens einzuschwingen.

Xavier Beauvois verfolgt eine andere Absicht. Für den Auftakt seines Films, der vom Schicksal der sieben entführten Trappistenmönche erzählt, deren abgetrennte Köpfe im Mai 1996 im algerischen Atlasgebirge aufgefunden wurden, wählt er einen Blickwinkel, den man zunächst als Außenperspektive wahrnehmen mag. Beauvois zeigt, wie Nouredine, der Hausmeister des Klosters, frühmorgens sein Haus im benachbarten Dorf verlässt und sich auf den Weg macht. Die Mönche begrüßen ihn als einen teuren Vertrauten. Der Regisseur eröffnet eine Perspektive, die sich fortan noch weiterspannen lässt. Wie alle Entscheidungen in seinem Film entspringt sein Auftakt einer tiefen inneren Notwendigkeit.

Das Drehbuch, das ihm der Produzent Étienne Comar anbot, setzte ursprünglich mit dem Massaker an kroatischen Montagearbeitern an, das im fertigen Film weit später kommt. Dieser Anfang hätte dem Zeithintergrund – dem Terror islamistischer Guerillakämpfer, der Algerien in den 90er Jahren heimsuchte – augenblicklich eine dramatischere Fallhöhe verliehen. Beauvois' Annäherung jedoch verpflichtet ihn zu einer aufmerksameren, geduldigeren Hingabe an den Stoff. Er schildert, welch kostbarer Wert bedroht ist: die friedliche Koexistenz, die bis dahin zwischen den Mönchen und der Bevölkerung des Dorfes herrschte. Seine Eröffnung etabliert unwiderruflich eine Osmose, die Tag für Tag in Worten und Taten bekräftigt wird. Die Identität der Mönche ist an diesem Ort tief verwurzelt; Bruder Luc, der Arzt, lebt dort seit fünf Jahrzehnten. Ihr wohltätiges Wirken ist nicht vormundschaftlich. Die Kolonialgeschichte ist ihrer Anwesenheit eine still mahnende Grundierung. Es ist keine Travestie, wenn sie in Straßenkleidung durch das Dorf gehen, und es bedeutet keinen Schritt vom Wege, wenn sie der Bevölkerung Gesellschaft leisten, die zu Allah betet. Caroline Champetiers Kamera unterstreicht das atmosphärische Einverständnis, das zwischen Landschaft, Dorf und Kloster herrscht.

Während die Armee und die Zivilbehörden die Mönche zur Aufgabe drängen, erwartet die Dorfgemeinschaft ganz selbstverständlich, dass sie bleiben. Sie sind Statthalter der Toleranz. Vor ihrer moralischen Autorität weichen zunächst auch die Terroristen und Soldaten zurück, die waffenstarrend in die Freistatt eindringen. Die friedvollen Trappisten halten den Tod lange im Wartestand. Die innere Spannung dieses Films, dessen Ausgang den meisten Zuschauern bekannt sein wird, erwächst aus der Gewissenserforschung der Verharrenden. Es steht außer Frage, dass sie die Entscheidung in demokratischer Abwägung treffen werden, im besonnenen Disput über die Grenzen der Hingabe. Die Einwände und weltlichen Bedürfnisse (der Wunsch, die Familie noch einmal zu sehen) werden in ihr Recht gesetzt. Heroisch sind die Mönche für Beauvois ohne Ausnahme; wenn er die besondere Nähe zu den Zweifelnden sucht, dann nicht als Brücke für den Zuschauer, sondern aus Demut vor ihrer Seelennot.

Am Ende versammelt er sie im klaren, heiteren Licht der gefallenen Entscheidung zu einem letzten Abendmahl. Achtsam widmet er jedem Einzelnen eine Nahaufnahme, um dann in den Totalen ihren Zusammenhalt zu besiegeln. Sie werden nicht leichten, aber entschlossenen Herzens ihrem Schicksal entgegengehen. Beauvois filmt ihr Martyrium nicht aus dem Augenwinkel des Katholizismus, sondern aus dem des Respekts. Die Aufopferung als Willensakt hat er 1995 in »Vergiss nicht, dass du sterben musst« schon einmal mit romantischer Inbrunst und nicht ohne Prätention beschworen. Seither hat er zu einer reifen Gelassenheit des Erzählens gefunden. Er verzichtet auf jede auffahrende Regiegeste. Das Klosterleben betrachtet er, ohne die Kamera zu bewegen; dessen Rituale sind bereits eine Inszenierung von hohen Graden. Die Verwendung der Handkamera beim Eindringen der äußeren Bedrohung akzentuiert die Empörung, die der Regisseur darüber empfindet.

Der außerordentliche Erfolg, den »Von Menschen und Göttern« in diesem Herbst in Frankreich feierte, verdankt sich nicht unwesentlich dieser erzählerischen Reife. Er ist gleichwohl ein vieldeutiges Phänomen. Der Film spricht Sehnsüchte an, von denen viele Zuschauer womöglich nicht ahnten, dass sie sie hegen. Die Spiritualität des klösterlichen Lebens, das Versprechen, einen tiefen, konzentrierten Blick auf das Wesen der Dinge werfen zu können, besitzt große, verlockende Kraft. Der Zuschauer darf sich beschenkt fühlen, am Reichtum eines bescheidenen Lebens teilzuhaben. Für das Frankreich der Sarkozy-Ära dürfte Beauvois' Film freilich noch eine andere, weniger exotische Resonanz besitzen: Er ist ein Plädoyer für den furchtlosen nachbarschaftlichen Dialog.

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