Kritik zu Virginia Woolf's Night & Day
Verspielte und durchaus kluge Literaturverfilmung mit überzeugendem Cast.
Virginia Woolfs »Nacht und Tag« gilt als einer ihrer konventionellsten Romane. Es ist ein satirisches Gesellschaftsdrama, das auch als Zeugnis der Genesung der an Depressionen leidenden Autorin gelesen wird. All das sind keine schlechten Voraussetzungen für eine liebenswerte, unterhaltsame und doch kluge Verfilmung, wie sie Tina Gharavi gelungen ist. Justine Waddell hat das Drehbuch nach Woolfs Romanvorlage von 1919 geschrieben. Immer wenn der Kitsch, das Klebrig-Süße die Geschichte zu erdrücken scheint, wird sie tiefgründig oder einfach urkomisch. Ein klug komponierter Score trägt seinen Teil dazu bei.
Es geht um die nicht mehr ganz so junge Katharine (Haley Bennett), einzige Tochter eines wohlhabenden Paares und Enkelin eines bedeutenden Schriftstellers, dessen Biografie ihre Mutter seit Jahrzehnten zu schreiben versucht. Das wird später noch eine Rolle spielen. Katharine versucht, der Liebe aus dem Weg zu gehen, missachtet Konventionen und liebt Mathematik, vor allem aber die Astronomie. Doch ein Studium in Cambridge (und anderswo) ist Frauen Anfang des 20. Jahrhunderts verwehrt, selbst wenn sie alle (intellektuellen und fachlichen) Voraussetzungen erfüllen. Überhaupt ist die Zeit von strengen patriarchalen bis misogynen Strukturen geprägt, denen sich Katherine versucht zu widersetzen. Mit ihrem schwulen Cousin Cyril (Misia Butler), von dessen sexueller Orientierung die ahnungslose Katharine bis zu einem Schicksalsschlag nichts ahnt, besucht sie als Mann verkleidet eine nur für Männer zugelassene Veranstaltung der Astronomischen Gesellschaft – mit nur wenig Erfolg.
Als sie erkennt, dass ihre akademischen und intellektuellen Möglichkeiten als verheiratete Frau durchaus größer sind, akzeptiert sie den Antrag ihres arglosen Kindheitsfreundes William Rodney (Jack Whitehall). Doch dann tritt noch die junge Frauenrechtlerin Mary Datchet (Lily Allen) in ihr Leben und der Autor und Editor Ralph Denham (Elyas M’Barek) aus der Arbeiterklasse. Ihn wird Katharines Mutter später noch als Lektor für die Biografie engagieren und ihm schließlich die Veröffentlichung verdanken. Irgendwann wenden sich, ganz wie in Woolfs Vorlage, die romantischen Vorzeichen und die Paare werden neu gemischt. Katharines rebellischer Geist ist ein weiteres Mal geweckt ohne diese bisher radikale Eindimensionalität.
Mit einer wehmütigen Romantik, einem gewissen Witz und historischer Opulenz inszeniert Gharavi diese Emanzipationsgeschichte, manchmal ein wenig überladen, mit traumartigen Szenen und doch irgendwie gegenwärtig. Dafür wählt sie einen exzellenten Cast, Haley Bennett als eigenwillige, dickköpfige und fantasievolle Katharine, Timothy Spall und Jennifer Saunders als die nicht minder exzentrischen Eltern, Jack Whitehall als etwas einfach gestrickter, doch liebenswerter William und M’Barek als smarten Aufsteiger. Mit dieser Adaption zeigt Gharavi, wie aktuell Woolfs Werke sind. Mal klassisch untermalt, mal mit zeitgenössischen Beats unterlegt treibt sie die Geschichte voran, manchmal traumartig, manchmal klamaukig – bis Katharine entdeckt, dass sich Liebe und Verstand nicht ausschließen.




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