Kritik zu Unter dem Sand – Das Versprechen auf Freiheit

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Der dänische Cutter und Regisseur Martin Zandvliet dramatisiert eine bislang wenig beachtete Tragödie des Zweiten Weltkrieges: Deutsche Kriegsgefangene, darunter viele Minderjährige des »Volkssturms«, wurden zur Entschärfung der Landminen an Dänemarks Küsten eingesetzt

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Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges warf Adolf Hitler alles an die Front, was eine Waffe halten konnte. Jungs der Jahrgänge 1928 und 1929 wurde in Crashkursen das Schießen beigebracht, und dann ging es auch schon auf in den (bereits verlorenen) Kampf. Es hieß »Volkssturm«, es waren Himmelfahrtskommandos. An der dänischen Westküste wurden, als Teil der Befestigungen des sogenannten Atlantikwalls, von Angehörigen der Wehrmacht etwa 2,2 Millionen Landminen vergraben. Als der Krieg dann zu Ende war, trafen die Landminen und die Jungs aufeinander. Davon erzählt Martin Zandvliet in »Unter dem Sand«, den er nach eigenem Drehbuch inszenierte.

Frei nach dem Motto, nämlich »Wer anderen eine Grube gräbt, …«, wurden zur Entschärfung der an Dänemarks Stränden vergrabenen Minen deutsche Kriegsgefangene eingesetzt; wobei man, um die Bestimmungen der Genfer Konvention zu umgehen, die Zwangsarbeit für Kriegsgefangene untersagt, dieselben kurzerhand als »freiwilliges Personal des Feindes« deklarierte. Sie wurden schlecht ernährt und schlecht behandelt und sprengten sich zu Hunderten in die Luft, weil sie geschwächt waren und unerfahren. Verlässliche Angaben zur Anzahl der Eingesetzten sowie der bei den Einsätzen Getöteten oder Verletzten gibt es nicht, die Aktenlage ist dürftig. Die Historiker gehen von 2000 bis 2600 an der Räumung beteiligten deutschen Soldaten aus, darunter zahlreiche im Alter von 17 bis 18 Jahren.

»Du hättest mir sagen sollen, dass es Kinder sind«, beschwert sich denn auch Unteroffizier Rasmussen bei seinem Vorgesetzten Jensen, der wiederum Rasmussen des Sympathisierens mit den Angehörigen seines Minensuchtrupps bezichtigt. Warum? Weil Rasmussen im Basislager Brot und Kartoffeln für die 14 Jungs geholt hat, nachdem die, halb verhungert, sich kurz zuvor mit verseuchtem Viehfutter vergiftet hatten. Nun mögen tote Deutsche zwar gute Deutsche sein, sie entschärfen aber keine Minen mehr. Dass Rasmussen die ihm unterstellten Feinde überhaupt als Kinder wahrnimmt, ist zu diesem Zeitpunkt, etwa in der Mitte des Films, nicht das erste Zeichen eines weicher werdenden Blicks, doch es ist das deutlichste. Es macht Hoffnung auf eine Wendung in dem bis dahin von Rohheit, Gewalt und Verachtung auf der einen und von Angst und Verzweiflung, Hunger und Heimweh auf der anderen Seite geprägten Verhältnis.

»Unter dem Sand« ist, man kann es sich denken, kein Gutelaunefilm. Es ist aber ein sehr guter Film. Auch wenn die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Rasmussen und den Jungs hin zu einem verantwortungsvollen, ja kameradschaftlichen Umgang miteinander von eher konventionellen Erzählmustern und dramaturgischen Standards markiert wird. Angesichts der schauspielerischen Präzisionsarbeit Roland Møllers in der Rolle des Unteroffiziers fallen diese kaum ins Gewicht. Er ist der zornerfüllte Soldat eines Landes, das fünf Jahre lang besetzt war – gleich zu Beginn verprügelt er einen deutschen Soldaten auf dem Rückzug, weil der eine dänische Flagge mit sich führt – und er denkt an Rache und Bestrafung. Dann allerdings wird er mit dem Fehlverhalten seines eigenen Landes konfrontiert – das gnadenlos Kinder verheizt und Versprechen nicht einhält – und seine Überzeugungen geraten ins Wanken. Wie subtil Møller das spielt, ist fantastisch. Er schleust seine Figur sozusagen heimlich in die Sympathie der Zuschauer ein, die dann Mitgefühl mit einem mitleidlosen Mann haben, der eben das schon nicht mehr ist.

Eingebettet ist all dies in die majestätischen Strandpanoramen von Kamerafrau Camilla Hjelm Knudsen, imposante Kompositionen aus Sonnenlicht, Meer, Sand und Wolken, graubraungoldenblau, in denen kleine schwarze Pünktchen herumkriechen und zerrissen werden. Dann steigt Rauch auf. Im Wechsel der Landschaftstotalen mit Nahaufnahmen der Gesichter werden Machtverhältnisse ausgelotet: Der übergeordneten Struktur bedeuten die Gedanken und Gefühle des Einzelnen nichts – und doch setzt sie sich aus diesen zusammen. Eine Frage der Perspektive, die über Menschlichkeit entscheidet.

Meinung zum Thema

Kommentare

Vielen Dank für diesen ehrlichen und mutigen Bericht, auch lange danach,bis heute ,mussten und müssen immernoch Unschuldige darunter leiden, ganz sicher nicht nazis.Kritiken gibt es bei jedem Film.Petra Warnecke.

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