Kritik zu The United States vs. Billie Holiday

© Wild Bunch

2020
Original-Titel: 
The United States vs. Billie Holiday
Heimkinostart: 
23.04.2021
L: 
130 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Lee Daniels (»Precious«, »Der Butler«) erzählt ein bisher unbekanntes Kapitel aus der Biografie der tragischen Ikone Billie Holiday, als Mischung aus Fakten und Projektionen und mit einer oscarverdächtigen Hauptdarstellerin

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»Sie ist wie Spinat«, lautet ein geflügeltes Wort, das unter Jazzfreunden über sie kursiert, »er schmeckt einem manchmal nicht, tut aber immer gut.« Die Sängerin mit der rauen, stöhnenden Stimme und der romantischen Gardenienblüte im Haar war eine Herausforderung an den Musikgeschmack und die Sitten ihrer Epoche. »Lady Day« konnte jeden Song in ein dreiminütiges Drama verwandeln, indem sie der kleinsten Nuance eine klagende Pracht verlieh.

Billie Holiday ertrug mehr Blessuren, als ein einziges Künstlerleben aushalten kann. Als Zehnjährige wurde sie vergewaltigt, prostituierte sich danach auf Geheiß ihrer Mutter, war dem Rassismus der Branche und Gesellschaft ausgesetzt, geriet chronisch an Manager und Ehemänner, die sie ausnutzten und fand kein Heilmittel gegen ihre Heroinsucht. Lee Daniels Biopic legt seinen Schwerpunkt auf eine weitere Tortur: Holiday (Andra Day) wird erbarmungslos vom FBI und der Drogenbehörde verfolgt, weil sie in dem Klagelied »Strange Fruit« die Lynchjustiz gegen Schwarze verurteilt.

Wie zeichnet man eine solch mythische Figur heute? Sie als die professionell Leidende darzustellen, für die einige Kritiker sie hielten (nicht nur weiße), scheidet aus Gründen der politischen Korrektheit aus. Bloßes Opfer darf sie ebenso wenig sein. Das Drehbuch von Suzan-Lori Parks entscheidet sich, sie als fehlbare Heldin zu zeigen, die von aller Welt verraten wird. Einer, dessen Verrat sie zulässt, ist Jimmy Fletcher (Trevante Rhodes), der stolz darauf ist, zu den ersten schwarzen FBI-Beamten zu gehören und zerrissen ist zwischen Pflicht, Bewunderung und Liebe. Aber Zärtlichkeit kennt Holiday bis dahin nicht; sie kann sie nicht kontrollieren.

Eine solche Rolle verlangt nach herzzerreißender Intensität. Die Debütantin Andra Day, eine ausgezeichnete Soul- und R&B-Sängerin, interpretiert sie mit souveräner Hingabe. Sie trifft nicht nur das Timbre dieser eigentlich unverwechselbaren Stimme, sondern versteht auch, wie intim Holiday mit ihrem Publikum kommuniziert. Der Film besitzt die Noblesse, jedes Lied in ganzer Länge wirken zu lassen; nur »Strange Fruit« wird einmal mit Polizeigewalt abgebrochen. Day hält das Charisma ihrer Figur aufrecht bis zum Schluss, als kaum noch ein Funken Leben in ihr steckt.

Es ist eine allzu bequeme Übung, eine Darstellerleistung gegen einen Film auszuspielen, aber Daniels lässt hier keine andere Wahl. Sein Film ist ein heilloses Durcheinander der Rückblenden und Drogenträume, fahrig angerissener Episoden, als ein Stilgemisch inszeniert, das nicht einmal vor slapstickhaftem Zeitraffer zurückschreckt. Fletcher mag eine verbürgte Figur sein, wirkt aber wie eine Projektion. Mit diesem Tauziehen zwischen Fakten und Spekulation unterminiert der Film letztlich auch seine bestechende These, Holiday sei eine Vorreiterin der Bürgerrechtsbewegung und ein politisches Opfer. Daniels springt mit dieser Lebensgeschichte um, als ließe sie sich in freier Improvisation erzählen – aber leider ohne den Instinkt eines Jazzvirtuosen.

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