Kritik zu Ufo in Her Eyes

© Pandora

2011
Original-Titel: 
UFO in Her Eyes
Filmstart in Deutschland: 
26.04.2012
M: 
L: 
110 Min
FSK: 
12

Wie ein Ufo kommen ökonomischer Erfolg und Globalisierung über ein Dorf in der malerischen südchinesischen Karstlandschaft. Auch in ihrem zweiten Spielfilm (nach She, a Chinese, 2009) spürt die Regisseurin Xiaolu Guo den Folgen dieser Umbrüche nach

Bewertung: 4
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Wir in China sind unsere eigene Sonne«, so erklärt Frau Chang die Neuordnung des Planetensystems, um hinzuzufügen, dass sich diese allerdings noch um eine andere drehe, nämlich die USA. Die robuste Frau mit der Feldwebelmentalität ist die Vorsteherin eines Dorfes, in dem die Uhren noch nach dem alten Rhythmus zu ticken scheinen: Im Rathaus hängt das Mao-Poster neben dem von Che Guevara und auch die ländlichen Traditionen gelten noch weitgehend unbefragt. So liegt die Bürgermeisterin der 35-jährigen Bäuerin Kwok Yun in den Ohren, sich endlich einen Mann zu suchen. Kwok Yun unterhält eine Liebesbeziehung zu dem verheirateten Direktor der Schule. Nach einem Schäferstündchen draußen in den Feldern findet sie einen geheimnisvollen durchsichtigen Stein, der vor ihren Augen ein gleißendes Licht verbreitet, in dem Kwok Yun die Konturen eines Ufos zu erkennen glaubt. Aus einer Ohnmacht erwacht, findet sie neben sich einen verletzten amerikanischen Touristen (Udo Kier), den sie mitnimmt, um anschließend der Ortsvorsteherin Bericht zu erstatten. Frau Chang erkennt sofort das ökonomische Potenzial, das in der Ufo-Geschichte verborgen ist.

Inhalt und ästhetisches Konzept des Films beschreiben zu wollen, ist so vergeblich wie Laokoons Versuch, der würgenden Schlange Herr zu werden. Denn so, wie die Nachricht von dem Ufo im Dorf keinen Stein mehr auf dem anderen lässt, so zerlegt Xiaolu Guo – bisweilen allzu rasant – die filmische Chronologie in eine multiperspektivische Erzähltechnik. Die Genres werden dabei unbefangen aufgemischt: Der Film ist Komödie und Tragödie, Märchen, Satire und Dokumentation, unterlegt mit einem Soundtrack, der sich zwischen monotonen Synthesizerbeats und pathetischen Propagandamärschen bewegt. Strukturierendes Element ist ein unsichtbarer Polizeispitzel, dessen protokollierende Perspektive die Kamera einnimmt: Die Personen des Films werden wie in einem Steckbrief vorgestellt. Doch schon diese Schwarz-weiß-Bilder, die mit den übrigen atmosphärisch dichten Aufnahmen kontrastieren, deuten an, dass auch der Spitzel längst Opfer der neuen Unübersichtlichkeit geworden ist. Am Ende muss er hilflos feststellen: »Hier verändert sich alles.«

Trotz aller komödiantischen Elementegrundiert eine Stimmung des Fatalismus die Geschichte vom Verfall der politischen und kulturellen Identität: Ein Selfmademillionär betet in Seminaren sein kapitalistisches Mantra herunter, Parkplätze werden betoniert, ein Hotel gebaut und die Teiche der Fischer zugeschüttet, was einen von ihnen in den Selbstmord treibt. Die wendige Ortsvorsteherin nutzt die Gunst der Stunde: In ihrem Büro hat ein Laptop Einzug gehalten, die Stars-and- Stripes hängen gleichberechtigt neben der Roten Fahne, der Große Vorsitzende hat ausgedient,die Erlöserrolle übernimmt der als Investor zurückgekehrte amerikanische Tourist. In einem grotesk überzogenen Schlusstableau mischt sich eine rauschhafte Apotheose des Kapitalismus mit den vergeblichen Versuchen der Bauern, ihr Land mit Hacken und Spaten gegen die eigene Staatsmacht zu verteidigen. Der Kampf der Kulturen aber ist längst entschieden.

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