Kritik zu Überleben in Neukölln

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Ein Zug durch die Gemeinde: Rosa von Praunheim besichtigt in seinem neuen Dokumentarfilm das Treiben im einst verrufenen, nun sich internationalisierenden Berliner Bezirk Neukölln

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Der Filmemacher Rosa von Praunheim hatte 1989 in seinem Dokumentarfilm »Überleben in New York« drei Frauen porträtiert, die aus Westdeutschland in den damals angesagten »Big Apple« umgesiedelt waren. Seit einiger Zeit laufen die globalen Attraktionsströme auch in die umgekehrte Richtung und viele ambitionierte junge Menschen aus dem Medien- und Kunstbereich kommen nach Berlin. So ist in der letzten Dekade unter dem Label »Kreuzkölln« auch ein Teil des Bezirks Neukölln vom verschmähten Unort zum Symbol heftiger Gentrifizierungsprozesse geworden. Und damit auch zum Indikator sozialer Differenz. So rühmt die nach einem Besuch in Neukölln hängengebliebene junge New Yorker Malerin Kandis Williams die Möglichkeiten eines entspannten Lebens am Ort. Am entgegengesetzten Ende des Spektrums steht im Film die seit 1980 im Kiez lebende Rentnerin Wilfriede Richter, die von »den feinen Leuten« spricht, wenn sie Menschen wie Kandis meint und angesichts der ausufernden neuen Gastronomieangebote trocken fragt, wer denn soviel Kaffee trinken und bezahlen solle.

Rosa von Praunheim, der am 25. November seinen 75. Geburtstag feiert, ist seit nun fünfzig Jahren einer der produktivsten Filmemacher Deutschlands, im Durchschnitt zwei Mal im Jahr gibt es von ihm Neues, meist dokumentarischer Natur. So entsteht langsam ein ganzes Panorama bewegter und weniger bewegter Zeiten. Weil Praunheim seine Arbeiten oft fast improvisiert aus dem vollen Leben skizziert, passt das Bild der »caméra stylo« gut, auch wenn in den Filmen, praktisch seit den Anfängen bis heute, meist die auch selbst als Regisseurin tätige Bildgestalterin und Freundin Elfi Mikesch die Kamera führt.

»Überleben in Neukölln« ist vielfach in Praunheims breitem Werk vernetzt und knüpft neben den im wortspielerischen Titel anklingenden Bezug zu den New-York- Filmen auch direkt an seinen vorherigen Film »Act! – Wer bin ich?« an, der die Arbeit der Neuköllner Theaterpädagogin Maike Plath und ihrer vom Leben oft gebeutelten Schülerinnen und Schüler ins Zentrum stellte. Jetzt richtet sich der Blick auf die bunte und oft queere Kunstszene um die Galerie des Ur-Neuköllner Multitalents Stefan Stricker, der dort unter seinem Travestienamen Juwelia einen Salon betreibt, eigene Lieder vorträgt und malt. Doch auch viele andere Artisten des Quartiers treten im Film auf, darunter interkulturelle Orchester und die aus Syrien geflohene lesbische Sängerin Enana.

Der Titel scheint ein wenig anmaßend angesichts der Tatsache, dass die größten, eher bieder kleinbürgerlich und oft auch politisch rechts besetzten Teile des Bezirks Neukölln (»Britz-Buckow-Rudow«) im Film nicht einmal kontrapunktisch Erwähnung finden. Aber deswegen ernsthaft zu meckern, wäre doch reichlich kleinlich. Und so sehen wir den Zug durch die Gemeinde am besten als einen leicht nostalgischen Abschiedsgruß an eine durch die üblichen Immobilienspekulationen wohl bald schon vergangene Zeit. Juwelia wurde übrigens mit ihrer naiven Malerei in eine Galerie nach New York eingeladen.

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