Kritik zu Truly Naked

© Capelight Pictures

Das Debüt der Regisseurin Muriel d'Ansembourg wirft einen ambivalenten Blick in die Welt der Online-Pornografie und feierte in Perspectives, der Debütsektion der Berlinale, seine Premiere

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Wann ist man »wirklich« nackt, und was meint das? Wenn man, wie Dylan (Andrew Howard) gleich in der ersten Einstellung von »Truly Naked«, die mit Goldfarbe beschmierte Pornopartnerin hart rannimmt, während sein Sohn Alec (Caolán O'Gorman) mit der Kamera draufhält? Die Antwort lautet natürlich Nein. Und Muriel d'Ansembourgs Drama nimmt sich in einer Welt zwischen zarter Coming-of-Age-Geschichte und Hardcore-Pornografie Zeit, die Antwort aufzufächern.

Das Vater-und-Sohn-Paar, um das sich alles dreht, ist, gelinde gesagt, außergewöhnlich. Der Papa hat die Mutter beim Pornodreh kennengelernt, doch nachdem sie gestorben ist, Alec war zwölf Jahre alt, ist der Sohn in die Rolle des Content-Produzenten für das Familienunternehmen gerutscht. Er filmt seinen alten Herrn beim Hardcore-Sex, schneidet die Filme und kümmert sich um die Promo-Shootings mit seinen Partnerinnen, darunter Stammdarstellerin Lizzie (Alessa Savage). Für Fans mit besonderen Wünschen fotografiert er Lizzie auch rauchend mit Zigaretten im Po. »Mein Junge ist brillant!«, freut sich Dylan mehrfach im Film.

In der Schule des Küstenstädtchens, in das die beiden frisch gezogen sind, wird Alec für ein Referat mit seiner feministischen Klassenkameradin Nina (Safiya Benaddi) verkuppelt, das Thema, ausgerechnet: Online-Pornografie. Spätestens hier wird die arge Konstruktion des von d'Ansembourg selbst verfassten Drehbuchs deutlich spürbar, und auch mit dem didaktischen Gestus, der sich immer mehr in die Geschichte einschreibt, gilt es, sich zu arrangieren.

Es kommt, was kommen muss: Alec und Nina kommen sich näher, sie erfährt bald, dass Dylan nicht nur Fotograf ist, wie sein Sohn vorgibt, und in der Schule werden die beiden gehänselt. Aus den Gegensätzen zwischen unternehmerisch gedachtem kaltem Sex vor der Kamera und der in vielen Momenten sehr liebevoll inszenierten Annäherung zwischen Alec und Nina versucht »Truly Naked« eine produktive Reibung zu erzeugen.

Als das junge Paar im Bett intim wird und Alec, anstatt Nina wirklich anzuschauen und sich einzufühlen, nach einem ansozialisierten Pornogestus übergriffig handelt, wird (über)deutlich, worauf die belgische Regisseurin hinauswill: dass wirkliches Nacktmachen heißt, sich seinen und den Bedürfnissen und Gefühlen des Gegenübers zu öffnen, sich auszusetzen, zu hören.

»Truly Naked« will viel sein: ein Vater-Sohn-Drama, die Geschichte einer ersten Annäherung und zugleich das emphatisch-ambivalente Porträt der Heimpornoszene und ihrer Mechanismen – völlig unnötig erscheint jene Szene, in der ein Oktopus eine zentrale Rolle spielt. Eine wesentlich vielschichtigere filmische Auseinandersetzung mit der Pornoindustrie hat Ninja Thyberg mit ihrem subversiven Drama »Pleasure« geliefert.

Dass »Truly Naked« dennoch funktioniert, ist vor allem den toll gespielten Figuren zu verdanken. Allen voran Alec, Nina und eben Dylan, der in seinem Modus zwischen liebevoll und existenziell getriebener Blindheit so problematisch wie interessant ist.

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