Kritik zu Pleasure

© Weltkino

Die schwedische Regisseurin Ninja Thyberg erkundet durch die Augen einer jungen Beginnerin im Business die Attraktion und das Abstoßende an der Pornoindustrie in Los Angeles

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»Are you here for business or for pleasure?«, fragt der Beamte die junge Schwedin routinemäßig bei der Einreise nach Amerika. Einen Moment lang hält Linnéa inne, um dann mit dem Anflug eines vieldeutigen Lächelns im Gesicht zu antworten: »For pleasure.« Denn da glaubt sie wirklich noch an den Spaß, den sie im Pornogeschäft haben wird. Sie hat Lust auf Sex, sie ist abenteuerlustig und risikofreudig und möchte unter dem Künstlernamen Bella Cherry der nächste große Pornostar werden. Ninja Thyberg, die hier ihren Kurzfilm des gleichen Titels von 2013 zum Langfilm ausgebaut hat, bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen dokumentarischer Recherche und fiktionaler Inszenierung. Sie wollte wirklich wissen, wie das Geschäft funktioniert, und vor allem die Macht des männlichen Blicks ergründen. In ausdauernden Recherchen hat sie das Vertrauen der Branche erworben, so sehr, dass mit Ausnahme von Sofia Kappel als Bella Cherry die Darsteller, Kameraleute, Make-up-Künstler und Agenten wie Mark Spiegler sich selbst spielen.

So wie »The Devil wears Prada« intime Einblicke in die harten Gesetze der Modebranche bot, tut es nun »Pleasure« mit der Pornoindustrie. Auch hier betritt man die fremde Welt mit den neugierigen und wachsamen Augen einer unerfahrenen jungen Heldin. Linnéa hat ehrliche Lust auf den Job – und auf die Grenzüberschreitungen, die er mit sich bringt. Doch obwohl sie keineswegs zimperlich oder schamhaft ist, kommt sie immer wieder an den Punkt, an dem für sie unerträglich wird, wie man sie behandelt. So handelt »Pleasure« zugleich von weiblicher Selbstermächtigung wie von Demütigung und Ausbeutung. Und von Kameraderie und Konkurrenz unter den Frauen, die den Blick der Männer mal lenken, nur um ihm im nächsten wieder hilflos ausgeliefert zu sein. Dabei gibt es einen ungeheuren Kontrast zwischen dem, wie die Pornofilmmacher um Einfühlsamkeit und Verständnis bemüht sind, solange die Kamera nicht läuft, und wie die Stimmung umschlägt, wenn sie läuft. Denn je rauer, gewalttätiger und demütigender die Frauen behandelt werden, desto besser verkaufen sich die Filme. Einen großen Unterschied macht es auch, ob bei einem Sado-Maso-Dreh Frauen hinter der Kamera stehen oder, wie meist üblich, Männer.

Mit ihrer besonderen Mischung aus Furchtlosigkeit und Durchlässigkeit macht Sofia Kappel ihre erste Filmrolle zum atemraubenden Ereignis. Und Ninja Thyberg hat ein feines Gespür für die Vieldeutigkeit der Situationen, die sie einfängt. Sie spürt Momente von Triumph und Stolz ebenso auf wie Momente abgrundtiefer Verlorenheit. So ruft die 19-Jährige ihre ahnungslose Mutter nach einer besonders unangenehmen Dreherfahrung an, bittet darum, heimkommen zu dürfen. Hätte die Mutter gewusst, was ihre Tochter gerade durchgemacht hat, hätte sie ihr wohl kaum zum Durchhalten geraten. Zu sehen, worauf sich Linnéa danach einlässt, ist schmerzlich. »Pleasure« ist ein schonungslos entlarvender Film, der dem Zuschauer viel zumutet, dem aber auch das Kunststück gelingt, dabei nicht voyeuristisch zu sein.

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