Kritik zu Toubab

© Camino Filmverleih

Wer glaubt, dass man das Thema der sozialen Ghettos in Deutschland nicht mehr variieren kann, sollte sich diesen Film ansehen, der eine queere Thematik ohne jede Verrenkung damit verbindet

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»Das Schöne an diesem Land«, sagt der Kleinstadtganove Cengo, »ist, dass hier jeder seinen Platz hat.« Es ist nicht so einfach, diesen Film einem Genre unterzuordnen. Etwas LGBT-Komödie, etwas Boys in the Hood-Gangster-Drama, etwas Vorstadt-Sozial-Studie und ganz viel No-Border-Migration-Movie. Denn wenn dieser Film eines schafft, dann ist es zu zeigen, dass kriminelle Energie viel weniger mit der geoethnischen Herkunft als mit einem sozialen Milieu zu tun hat, in dem Hautfarbe kein primäres Merkmal ist, sondern weit hinter der Frage steht, wer man tatsächlich ist.

Babtou ist frisch aus der Haft entlassen. Er ist als Senegalese in Deutschland geboren und in Frankfurt aufgewachsen, in einem der vielen Hochhaus-Ghettos, und hat zwei Jahre im Gefängnis verbracht. Er ist ein Kind der Straße und so findet auch seine Willkommensparty genau dort statt. Bis die Polizei kommt. Nur wenige Stunden in Freiheit und schon wieder in Handschellen. Doch diesmal geht es nicht zurück ins Gefängnis, sein Pass wird einbehalten, stattdessen gibt es ein Dokument, das zum einmaligen Grenzübertritt befähigt. Zurück in den Senegal. Da kann auch die Anwältin nichts machen. Die einzige Lösung ist die Hochzeit mit einer Deutschen. Doch als selbst das hässlichste Mädchen der Siedlung lachend ablehnt, bleibt nur die Ehe mit seinem besten Freund Dennis. Als dieser einwilligt, wechselt der Film zum ersten Mal die Ebene. In der Welt der Gangs und der Kleinkriminalität regieren Machismo und Schwulenhass und selbst der anerkannte Babtou hat nun Schwierigkeiten, seine Lebensentscheidung plausibel zu machen. Denn die Ausländerbehörde wartet nur auf einen Fehler, um ihm eine Scheinehe nachzuweisen und ihn endlich abzuschieben.  

Babtou ist in dieser Konstellation erstaunlich souverän. Dem Ex-Drogendealer, der nun gefälschte Markenkleidung verkauft, entgegnet er auf sein grinsendes »ich bin da eher alte Schule« ein gezischtes, »du meintest wohl eher Hauptschule«. Er erkennt, dass man unter dem Regenbogen viel mehr Spaß haben kann und muss am Schluss doch dahin, wo ihn alle Toubab nennen, weißer Mann.

Mit seinem Kinodebüt hat Regisseur Florian Dietrich einen Film gedreht, der weder Genregrenzen noch Eindeutigkeiten kennt. Der Genrefilm hatte in Deutschland noch nie eine wirkliche Chance. Deshalb gibt es kein Schwarz-Weiß in diesem Film, obwohl es um nichts anderes geht als das Leben von Schwarzen und Weißen innerhalb sozialer Grenzen, die viel stärker sind als die, die das Land von anderen trennt. So spielt Florian Dietrich mit witzigen und tragischen Szenen, erzählt gegen die Erwartungen an und bleibt immer einer tiefen Ernsthaftigkeit verpflichtet. Weder Kitsch noch alberner Humor kommen hier zum Tragen, stattdessen zeichnet alle Charaktere eine bedeutende Wahrhaftigkeit aus. Dass er die Hauptrollen mit Julius Nitschkoff und Farba Dieng besetzt hat, zwei hochprofessionellen, aber unverbrauchten Schauspielern, tut dem Film auch gut.

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