Kritik zu Tokat – Das Leben schlägt zurück

© JIP Film

2016
Original-Titel: 
Tokat – Das Leben schlägt zurück
Filmstart in Deutschland: 
13.09.2018
L: 
78 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Andrea Stevens und Cornelia Schendel lassen in ihrem Dokumentarfilm drei deutschtürkische Ex-Drogendealer als gescheiterte Existenzen zurück auf ihre wilden Jahre blicken

Bewertung: 3
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Wie haben deine Eltern dich behandelt? Die Routinefrage des Psychotherapeuten im Maßregelvollzug lässt den jungen Kerem explodieren: »Ich dachte, er will meine Eltern da mit reinziehen. Also habe ich ihn beleidigt«, erzählt Kerem heute, gut zwanzig Jahre später. Es ist eine Schlüsselszene in diesem Dokumentarfilm, der durch subtile Zwischen­töne überzeugt. Die Eltern sind nämlich nicht ganz unschuldig am düsteren Schicksal des ehemals drogenabhängigen Drogendealers, der in Deutschland geboren wurde, tatsächlich aber in einer anderen Welt lebte.

Von dieser Welt handelt »Tokat« – was auf Türkisch Ohrfeige heißt, im Gangjargon aber auch »beklaut« und »abgerippt« bedeutet. Das Debüt von Andrea Stevens und Cornelia Schendel beginnt mit Fernsehbildern aus den frühen 90er Jahren. Die Polizei im Einsatz gegen Jugendgangs im Frankfurter Gallusviertel, einem damaligen Brennpunkt. Ein junger Deutschtürke richtet martialische Kampfansagen an die Ordnungshüter. Diese Szenen locken den Zuschauer eigentlich auf eine falsche Fährte. In diesem Film wird nämlich hauptsächlich geredet. Doch die Erzählungen von Kerem und seinen beiden Freunden Hakan und Dönmetz, inzwischen alle um die vierzig, haben es in sich. Ohne nostalgische Verklärung blicken sie auf ihre verpfuschte Jugend mit Drogenhandel und Schlägereien zurück. Damals gaben sie am Abend 10 000 Mark für Kokain aus. Heute schlagen sie sich mit Gelegenheitsjobs durch.

Man erfährt einiges über die ehemals schweren Jungs – sofern man die Ohren spitzt und zuhört. In einer geschickt eingefädelten Ellipse wird schließlich klar, was Kerem seinerzeit in den Maßregelvollzug brachte. Die eigene Familie nutzte seine Drogensucht perfide aus und stachelte ihn auf. Er habe ja ohnehin nichts mehr zu ­verlieren. Also könne er seine Ehre wieder herstellen, indem er Blutrache für den ermordeten Bruder nehme. Das auserkorene Opfer, Mitglied einer verfeindeten Familie, wurde jedoch gewarnt. In einer Kombination aus Drogen- und Blutrausch meuchelte Kerem ersatzweise einen Passanten, der ihm zufällig in die Quere kam.

Die genauen Umstände dieses sinnlosen Mordes und die Dauer von Kerems Gefängnisstrafe bleiben unklar. Der Film lässt viele Fragen offen, weil er neben spärlichen Ortsangaben keine Erklärungen gibt. Er konzentriert sich ganz auf den Tunnelblick seiner drei Protagonisten, von denen zwei heute in der Türkei leben. Den Regisseurinnen gelingt eine intensive Annäherung an drei Türken, die in Deutschland aufwuchsen, ohne Untertitelung aber bis heute kaum zu verstehen wären. Kerems verquere Geschichte ist die markanteste. Wenn er auch heute noch, zwanzig Jahre später, der verfeindeten Familie, die seinen Bruder auf dem Gewissen hat, droht, sie möge »in Angst leben«, dann weicht das anfängliche Mitgefühl mit diesem urbanen Desperado einer gewissen Fassungslosigkeit. Die verdrehte Geschichte trifft den Kinobetrachter wie einen Stich ins Herz. Doch Stevens und Schendel heben nicht den Zeigefinger. Den Diskurs um gescheiterte Integration bedienen sie auch nicht. Deshalb gelingen ihnen differenzierte Einblicke in eine Parallelgesellschaft.

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