Kritik zu Tepenin ardi – Beyond the Hill

Trailer OmeU © Arsenal Filmdistribution

2012
Original-Titel: 
Tepenin Ardi
Filmstart in Deutschland: 
15.11.2012
L: 
94 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Eine türkische Familie zwischen Stadt und Land, Tradition und Moderne, und das ausgespielt, als wäre es ein Western – Emin Alpers Debütfilm wurde im Forum der Berlinale in diesem Jahr mit dem Caligari-Preis ausgezeichnet

Bewertung: 4
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Drei Generationen Männer sitzen um ein nächtliches Lagerfeuer, eine Szene wie aus einem Western. Tatsächlich greift Emin Alper in seinem Regiedebüt Beyond the Hill auf Motive des klassischen Westerns zurück, schon in der Art und Weise, wie er seine Figuren vor der wilden Berglandschaft der Türkei in Szene setzt. Der amerikanische Western handelte genreimmanent von der Frage, wie sich die Menschen mit dem gottgegebenen Land arrangieren und gleichzeitig als isolierte Gemeinschaft ein ziviles Selbstverständnis entwickeln. Beides sind auch die Themen von Beyond the Hill: das Land, das der Familienpatriarch Faik, seit er denken kann, bewirtschaftet, und seine Söhne, die es nicht würdig sind, dieses Erbe anzutreten. Um das Land entspinnt sich ein Streit, der irgendwann auch die verborgenen Konfliktlinien innerhalb der Familienaufstellung konturiert. Jenseits der Berge, die Faiks Land begrenzen, lebt eine Gruppe Nomaden, die seine Wiesen hin und wieder als Weideland für ihre Ziegen benutzen. Für den alten Mann ein ungeheuerlicher Affront. Zur Abschreckung hat er schon eine der Ziegen getötet.

Doch die Nomaden bleiben unsichtbar, ihre Bedrohung nimmt nur in den Erzählungen Faiks konkrete Formen an. Stattdessen treten die Konflikte innerhalb der Familie in den Vordergrund. Nusret, der zusammen mitseinen Söhnen Zafer und Caner den Vater undseinen einfältigen Bruder Mehmet für ein Wochenende auf dem Land besucht, ist ein selbstgefälligerNichtsnutz, der mit dem rückständigen Landleben wenig anfangen kann. Dass er als Erbe nicht in Betracht kommt, enttäuscht Faik. Seine einzige Freude ist Enkel Caner, mit dem er im Wald Schießübungen veranstaltet. Seine zwei anderen Enkel, Zafer und Mehmets Sohn Süleyman, entsprechend wie die eigenen Söhne ebenfalls nicht seinem Männlichkeistideal. Zafer leidet seit dem Krieg unter Wahnvorstellungen – wenn er seine Medikamente nicht einnimmt, halluziniert er seine Kriegskameraden herbei –, und der stille Süleyman zieht sich mit seinen Tieren lieber in die Berge zurück.

Dass der alte Mann sein Reich bedroht sieht, setzt in ihm ungeahnte Projektionskräfte frei. Die Nomaden, der unsichtbare Feind »hinter dem Hügel«, müssen für die Unzulänglichkeiten der Männer herhalten; jedem einzelnen dienen sie als dankbarer Sündenbock. Alper beobachtet die Dynamik dieser Männergruppe mit zunehmender Süffisanz, ohne in Situationskomik zu verfallen – auch wenn die Verwechslungen und (Selbst-)Täuschungen der Männer durchaus Screwball-Comedy-Qualitäten besitzen.

Stattdessen entladen sich die Frustrationen zusehends in – teilweise unfreiwilliger–  Gewalt. Mehmets Frau Meryem, die einzige vernunftbegabte Figur des Films, hat hier nichts zu melden. Die archaische Berglandschaft liefert dabei ein schönes Paradox. In Beyond the Hill dient sie als Hintergrundkulisse für eine Gesellschaftskonstellation, in der sich unmissverstädlich die Konflikte der gegenwärtigen Türkei abzeichnen. Es ist kein Witz, dass die Männer am Ende zu einem fröhlichen Marschlied in den Krieg gegen einen imaginären Feind ziehen

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