Kritik zu Sweet Country

OmU © Grandfilm

2017
Original-Titel: 
Sweet Country
Filmstart in Deutschland: 
27.09.2018
V: 
L: 
113 Min
FSK: 
12

Nach wahren Begebenheiten: Warwick Thorntons harscher und poetischer Western über Rassismus, Gewalt und die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ist im australischen Outback der 1920er Jahre angesiedelt

Bewertung: 5
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Western haben wieder einmal Konjunktur: Im Kino liefen zuletzt »Hostiles« und »Die Frau, die vorausgeht«, in Venedig zeigten die Coens gerade »The Ballad of Buster Scruggs« und Jacques Audiard »The Sisters Brothers«. Im vergangenen Jahr gewann dort Warwick Thorntons »Sweet Country« den Spezialpreis der Jury, und obwohl er zur falschen Zeit am falschen Ort spielt, nämlich Ende der 1920er in Australien, ist er ganz eindeutig ein Western. Und wie in den meisten Western geht es auch in diesem um Gewalt, das machen schon die ersten irritierenden Sekunden klar, in denen zur Großaufnahme eines Kessels mit kochendem Wasser über einem Feuer ein heftiges Wortgefecht zu hören ist, dann offenbar Schläge. Diese Einstellung bleibt zunächst ebenso unerklärt wie die auch später immer wieder für Sekunden in die ansonsten linear erzählte Handlung einbrechenden Inserts – oft Bilder ohne Ton, von Dingen, die bereits geschehen sind oder noch geschehen werden.

In karger rötlich-brauner Landschaft mit im Nirgendwo verstreuten, staubigen kleinen Farmen konzentriert sich das Geschehen auf wenige Personen: Sam Kelly (Hamilton Morris), ein Aborigine, arbeitet für den frommen, gutmütigen Prediger Fred Smith (Sam Neill). Smith verleiht Sam etwas widerstrebend an den neuen Nachbarn Harry Marsh (Ewen Leslie). Der ist in den Schützengräben Europas verroht und auch etwas verrückt geworden, und die »Nigger« verachtet er sowieso. Bald kommt es durch den alkoholbefeuerten Wahnsinn Marshs zur Eskalation, die im Desaster endet. Sam Kelly muss mit seiner Frau in die Wildnis fliehen, als Mörder verfolgt von einem Suchtrupp, den Sergeant Fletcher (Bryan Brown) leitet und dem zunächst auch Smith angehört.

Bevor »Sweet Country« im letzten Drittel zu so etwas wie einem Gerichtsdrama unter freiem Himmel wird, spielt er zentrale Western-Topoi durch, die aufgezwungene Gewalt, die Frontier und ihre Gefahren, Rache versus Gerechtigkeit – nur dass hier die »Nigger«, der Fährtenleser und auch die »Wilden«, die in ihrem Stammesgebiet die Weißen überfallen, Aborigines sind. Auch visuell rufen Thornton und sein Kameramann Dylan River die Motive des »Wilden Westens« auf, in weiten Landschaftsbildern mit glühenden Farben, die die Hitze fast körperlich spüren lassen. Die Wirkung des Visuellen betont Thornton noch durch den Verzicht auf Musik; er unterstreicht die Bilder atmosphärisch durch Naturgeräusche. In den fast vollkommen entleerten Szenen in einer Salzwüste lässt er seine Akteure dann noch radikaler in eine Sphäre existenzieller Verlorenheit driften.

Es ist nicht einfach die Lust an Genre­motiven, die den Film antreibt. Warwick Thornton, der 2009 mit »Samson & Delilah« den ersten Spielfilm von, mit und über Aborigines vorlegte, klagt den Rassismus, der Dreh- und Angelpunkt des Geschehens in »Sweet Country« ist, mit spürbarer Wut an, doch ohne Vereinfachungen oder Trauerkitsch. Auch die Rassisten sind in »Sweet Country« differenziert gezeichnet, während wiede­rum die Opfer des Rassismus nicht unbedingt solidarisch sind, sondern sich ebenfalls vom Unrecht korrumpieren lassen. Wenn das Ende nicht sonderlich optimistisch ausfällt, betont es doch zumindest, dass Gerechtigkeit nicht immer eine ­Chimäre bleiben muss.

Der Clou dieses Films ist aber, wie er in seiner formalen Struktur indigene Traditionen aufgreift, sie in den Rahmen des ­Westerngenres einsetzt und beides so virtuos wie schlüssig vereint. In der Erzählkultur der Aborigines bestehen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mehr neben- und ineinander statt nacheinander, wie wir es gewohnt sind. Das Stilmittel der kurzen Inserts, die sich nach und nach als Rück- beziehungsweise Vorblenden entpuppen, wurzelt in dieser Tradition und schlägt eine Brücke zu einem zentralen Motiv des Films: dem Fährtenlesen. Denn immer wieder geht es darum, wie sich das Vergangene in der Gegenwart auswirkt und wie sich im Jetzt bereits Kommendes abzeichnet.

»Sweet Country« versucht, diese schicksalhaften Spuren auf seine ganz eigene, faszinierende, bisweilen auch bestürzende Weise lesbar zu machen.

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