Kritik zu Sonic Mirror

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Rhythm Is It! – So könnte das Credo des großen Schlagzeugers und Jazzkomponisten Billy Cobham lauten. Mika Kaurismäkis Film zeigt, dass dies für die unterschiedlichsten Menschen und Kulturen gilt

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Cobhams musikalisch-pädagogische Projekte sind das Thema der bunten Dokumentation von Mika Kaurismäki, der den Drummer zwischen April und Dezember 2005 begleitete: von Finnland, wo er mit der Espoo Big Band und dem Trompeter Randy Brecker musiziert, über New York, wo er seine Eltern besucht, bis in die Favelas von Bahia, wo Cobham, dessen Vorfahren aus Nigeria stammen, in seine eigenen Traditionen eintaucht.

»Malê Debalê« heißt eine Gruppe, die in der brasilianischen Millionenstadt Salvador- Bahia versucht, mit Musik und Tanz die afrikanischen Wurzeln ihrer Mitglieder mit der brasilianischen Volkskultur zu verbinden: Musik als Mittel der Selbstverwirklichung, als identitätsstiftendes Element, das einer diskriminierten Minderheit zu Anerkennung verhilft. »The world‘s largest Afro ballet« nannte die »New York Times« die über 4.000 Mitglieder große Gruppe. In Bahia unterstützt und unterweist Billy Cobham eine Percussion- Formation, begeistert Kinder für Schlaginstrumente und fördert damit auch ihre Bildung und ihre Chancen in der Gesellschaft. Gute schulische Leistungen sind Voraussetzungen, um bei dem Projekt mitzumachen, zugleich dürfen die Jugendlichen nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten sein.

Die zweite zentrale Station der musikalischen Weltreise ist Cobhams Wahlheimat Schweiz. Hier spielt er zusammen mit der nigerianischen Gruppe »Okuta Percussion« in einem Heim für Autisten, Menschen, denen fast alle verbalen Ausdrucksmöglichkeiten verschlossen sind. Der Film zeigt die behutsamen Versuche, über die Rhythmen einen musikalischen Dialog aufzunehmen, beobachtet die zaghaften Ansätze der Behinderten, in die musikalischen Improvisationen einzustimmen, sich in ihrem Takt zu bewegen. Kaurismäki, der ansonsten in seinem Film zuweilen der Ästhetik des Videoclips verpflichtet scheint, verhält sich besonders bei den Schweizer Autisten wie ein zurückhaltender Beobachter. Etwa wenn er die vielfältigen Versuche von deren Betreuern zeigt, sie mittels einer Buchstabentafel zum Sprechen zu bringen.

Sonic Mirror ist natürlich auch ein Film über einen Star, allerdings ganz ohne Kult. Billy Cobham, der mit vielen Größen der Jazzund Popszene auftrat, darunter Miles Davis, Roberta Flack, Carlos Santana und The Grateful Dead, spielt sich nie als Person in den Vordergrund, aber er ist mit seiner musikalischen Virtuosität und seinem menschenfreundlichen Auftreten das Gravitationszentrum des Films. Seine Überzeugung von der verbindenden Kraft der Musik, die über Kontinente und Kulturen hinweg Sinn und Zusammenhang stiften kann, schlägt sich auch in der Ästhetik des Films nieder. Zu Beginn, vor allem aber am Ende wechseln die Schauplätze im Rhythmus der Musik: Der Sound der finnischen Profis vermischt sich mit den Klängen der brasilianischen, nigerianischen und Schweizer Gruppen zu einem großen Finale. Billy Cobhams Musik ist kein wildes Tier, eher ein friedenstiftendes.

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