Kritik zu Snatch – Schweine und Diamanten

© Columbia

Guy Ritchie schickt rivalisierende Gangster auf Diamantenjagd

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»Ja, mach' nur einen Plan...« oder same procedure as last year: Es hat schon etwas Aufreizendes, mit welcher Gründlichkeit Guy Ritchie in seinem zweiten Film das Muster seines ersten kopiert. Oder ist »Snatch« etwa kein Selbstplagiat, sondern vielmehr eine raffinierte Variante von »Lock, Stock and Two Smoking Barrels« (Bube, Dame, König, Gras)?

Tatsache ist, dass auch dieser Film ein komplexes Gegeneinander rivalisierender Parteien entfaltet, ein Hin und Her, in dem mal der eine, mal der andere die Oberhand gewinnt. Nur dass es diesmal nicht mehrere Objekte der Begierde gibt, sondern nur ein einziges, einen Diamanten von der Größe einer Faust.

Der wird zu Beginn von einem Verbrecherquartett in Amsterdam gestohlen. Der Auftraggeber sitzt zwar in New York, aber bevor die Ware dort abgeliefert wird, hat der Anführer der Vier, Franky Four Fingers, in London noch einiges zu erledigen. Für den Fall, dass er dort einen Revolver oder sonst etwas benötige, gibt ihm einer seiner Männer freundlicherweise noch die Telefonnummer von »Boris the Blade«, einem russischen Geschäftsmann/ Gangster. Dass es sich dabei um seinen Bruder handelt, der von ihm instruiert wurde, Franky den Diamanten abzunehmen, verschweigt er natürlich. So setzt sich in London ein Karussell verschiedenster Gangster in Gang, die nach und nach alle von dem Diamanten erfahren und sich bei der Jagd danach gegenseitig in die Quere geraten.

So weit, so vertraut. Ähnlich atemlos wie in »Lock, Stock ...« geht es auch diesmal zu, wobei Ritchie ein raffiniertes Spiel mit der Zeit entfaltet: Das reicht vom einfachen Zeitraffer (mit dem etwa der anfängliche Raubüberfall gefilmt wird) bis zu komplexeren Manipulationen. Durch die Aufhebung der zeitlichen Kontinuität, vor allem des Auseinanderreißens von Ursache und Wirkung, erzielt Ritchie dabei immer wieder komische Effekte, etwa bei einer Verfolgungsjagd mit drei Autos.

Gleich zu Beginn des Films schlägt die Musik komödiantische Töne an, wegen des Milieus wähnt man sich in einem Frühwerk von Mel Brooks oder Woody Allen, einem Schelmenstück: Jeder versucht jeden übers Ohr zu hauen. Dabei zeichnet der Film seine Charaktere als Typen, stark in einem Moment, schwach im nächsten – je nachdem, ob sie gerade in die Mündung eines Revolvers blicken oder selbst die Waffe auf ihren Gegner gerichtet haben. Steht an einem Ende des kriminellen Spektrums der brutale Gangsterboss Brick Top (von dem wir gleich zu Anfang erfahren, dass er die Leichen seiner Gegner an die Schweine verfüttert), so finden wir am anderen Ende jenen, der am ehesten als Sympathieträger taugt, den irischen Zigeuner (in der deutschen Synchronfassung ist immer von »gypsies« die Rede) Mickey O'Neil, der anfangs als eher tumb daherkommt – was aber eine Täuschung ist. Diese Figur fällt auch deshalb aus dem Rahmen, weil sie von Brad Pitt verkörpert wird – in einer merkwürdigen Mischung aus Star- und Antistar-Performance, die sein schönes Gesicht hinter verunziertem Äußeren verschwinden lässt, während seine extrem nuschelnde Sprechweise kaum einmal Verständliches hervorbringt.

Am Ende von »Snatch« schließt sich ein Kreis: Der Edelstein landet da, wo er ursprünglich hin sollte – in »Lock, Stock ...« dagegen erschossen zwei dämliche Kleinkriminelle unwissentlich ihren Auftraggeber. Das ist irgendwie charakteristisch für die beiden Filme, der zweite vielleicht ein bisschen raffinierter, aber auch ungleich glatter als das Debütwerk.

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