Kritik zu Self/less – Der Fremde in mir

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Tarsem Singh kehrt nach seinem Ausflug ins Märchengenre (»Spieglein Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen«) zu seiner Lieblingsgattung, dem Mystery-Thriller zurück

Bewertung: 3
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 3)

Der milliardenschwere Industrielle Damian Hale (Ben Kingsley) ist Herrscher über ein Imperium. Doch nun erfährt er, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist. Dabei gibt es noch so viel zu tun. Zum Beispiel die Gunst seiner entfremdeten Tochter Claire (Michelle Dockery) zurückzugewinnen, die sich als engagierte Aktivistin längst gegen ihn und sein Lebenswerk stemmt. Der geheimnisvolle Albright (Matthew Goode) erzählt Hale von einem neuen, exklusiven medizinischen Prozess, dem sogenannten Shedding. Hierbei wird das Bewusstsein einer kranken Person im Moment des Todes in einen jungen, gesunden Körper transferiert. Besonders cleveren Geistern mit dem nötigen Kleingeld steht so mehr Lebenszeit zur Verfügung. 

Wer der gut gebaute Körper mit dem Namen Edward (Ryan Reynolds) zu Lebzeiten war und warum er zu einem so großzügigen Spender wurde, bleibt zunächst ein Geheimnis. Erst als Hale vergisst, die dicken roten Pillen zu nehmen, die ihm Albright zur Anpassung an seinen neuen Körper verordnet hat, schleichen sich beunruhigende Erinnerungsfetzen aus der Vergangenheit des anonymen Körperspenders in sein Hirn. Diese »Nebenwirkungen der Unsterblichkeit« gehen Hale nicht mehr aus dem Kopf. Wer ist die alleinerziehende Frau mit der niedlichen Tochter, die er auf einmal in wirren Träumen sieht? Und warum wird sein Körper reflexartig zur Kampfmaschine, wenn er in Gefahr gerät?

Der Menschheitstraum von Unsterblichkeit ist eine unermüdliche Triebfeder des Science-Fiction-Films. Fasziniert wird man in »Selfless« Zeuge eines lebensverlängernden Prozesses in futuristischem Ambiente. Seiner Vorliebe für opulente Bildgestaltung und prunkvolle Ausstattung, wie wir sie aus den Alptraumwelten von »The Cell« (2000) oder dem Erwachsenenmärchen »The Fall – Im Reich der Fantasie« (2006) kennen, frönt Regisseur Tarsem Singh dabei nur im ersten Drittel des Films. Hier sitzt der todkranke Damian Hale verbittert in seinem, an einen goldenen Käfig erinnernden Luxus-Penthouse mit eigenem Wasserfall im Wohnzimmer. Mit leeren Augen blickt er über die Dächer von New York. Doch ist Damiens Bewusstsein erst einmal in den jungen Körper von Edward abgetaucht, verlässt der souverän spielende Ben Kingsley die Bildfläche und Tarsem Singh das Science-Fiction-Ambiente. Die Umgebungen und Bilder werden realistischer und damit leider auch gewöhnlicher. Aus einem ethische Fragen aufwerfenden, fantastischen Film wird ein schnörkelloses Heist-Movie mit soliden Verfolgungsjagden und rasant geschnittenen Prügeleien. Anstelle einer erhellenden Zukunftsvision liefert Tarsem Singh nun inhaltlich vorhersehbare Action-Kost mit einer eher kitschigen Familienzusammenführung als Happy End. Besonders schade ist natürlich, dass Ben Kingsley nur im ersten Viertel des Films mitspielt. Er ist hier einfach ein spannenderer Schauspieler als sein formschönes Körperdouble Ryan Reynolds.

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