Kritik zu The Salvation

© Concorde

Ein grimmiger Rachewestern aus Dänemark, inspiriert von Kurosawa, Leone und Dogma 95. Mit Mads ­Mikkelsen als düsterem Helden einer Revolveroper, die ganz auf die Ästhetik des digitalen Kinos setzt

Bewertung: 3
Leserbewertung
3.5
3.5 (Stimmen: 2)

Das neue europäische Kino entdeckt den Western als mythisches Genre, das die grundlegenden Erfahrungen der Immigration deutlich macht. Während Thomas Arslan in Gold auf beinahe intime Weise die Spannungen in einer Gruppe von Einwanderern beschrieb, wagt der Däne Kristian Levring, ein Mitbegründer der Dogma-Bewegung und erfolgreicher Werbefilmer, die große Westernoper voller Action und Emotion.

Dabei beginnt auch Levrings Film als unglaublich spannendes Kammerspiel. Diese Szenen einer sinnlich-gewalttätigen Nähe, die an John Fords Stagecoach (Ringo) erinnern mögen, gehören zweifellos zu den stärksten des Films. In der Enge einer Postkutsche werden gleichsam schicksalhaft zwei grundverschiedene Parteien zusammengepfercht. Auf der einen Seite: Mads Mikkelsen als dänischer Einwanderer Jon, ein Veteran des deutsch-dänischen Krieges, der sich in Amerikas Westen eine neue, friedliche Existenz aufbauen will. Gerade hat er seine Frau Marie (die Sängerin Nanna Øland Fabricius), die so schön ist, dass sie beinahe verletzlich wirkt, und den elfjährigen Sohn Kresten vom Bahnhof abgeholt. Er will sie in seine karge Farm im Grenzland bringen. Dieser gerade wiedervereinten Familie sitzen in unheilvoller Nähe gegenüber: zwei Desperados, die aus der Hölle zu kommen scheinen, zwei neue Barbaren des neuen Landes, gefährlicher und unberechenbarer als die Indianer. Was als provokantes, sadistisches Spiel beginnt, wird schnell zu einer existenziellen Konfrontation. Diesen gnadenlosen Kampf zwischen der Familie und den Outlaws stellt Levring auch durch die Natur und das Land außerhalb der Kutsche dar. Die Natur ist in Levrings digitalem Kino so künstlich wie in einem Animationsfilm: ein Raum der Emotionen, ein Terrain der Atmosphäre. Während der Bedrohung ist die Wildnis nächtlich und stürmisch. Nach dem Massaker, das in der Kutsche stattfindet, wird sie bleich: eine ausgetrocknete Todeszone. Levring malt mit elektronischen Mitteln eine Art »Western Gothic«.

Die Wildnis, aber auch die schmutzigen Städte des Westens wirken bei Levring ex­trem modellhaft: wie die digitale Exploitation der Bühnenbilder von Lars von Triers Amerikafilmen. Durch diese Schimärenlandschaft streift Mads Mikkelsen nach der brutalen Attacke auf seine Familie und all seine Hoffnungen. Ein einsamer Rächer, ein Geistersoldat. Gewiss liebt Levring Ford, Kurosawa, Leone, Eastwood, die Rituale und das Körperliche der Spätwestern. Aber seine Sinnlichkeit wirkt, je mehr sich die Geschichte ins Epische öffnet, nur nachgeahmt, nachgemalt.

Mads Mikkelsen spielt im Grunde wieder einen Michael Kohlhaas: einen anständigen Menschen, der in seinem Rachefeldzug verroht und den Outlaws ähnlich wird. Er muss sich mit den korrupten Heuchlern einer Kleinstadt anlegen (Jonathan Pryce als gieriger Bürgermeister und Bestatter) und schließlich mit der Speerspitze eines Kapitalismus, der bereits den Ausverkauf der neuen Welt vorantreibt. Delarue heißt der Anführer einer mörderischen Bande, die auf Öl gestoßen ist. Jeffrey Dean Morgan spielt ihn mit großer Lust am Bösen: als Hardcore-Version des Karl May’schen Ölprinzen. Zur bizarren Outlaw-Bande gehört noch eine Frau, verkörpert von Eva Green. Ihr wurde von den Indianern einst die Zunge herausgeschnitten, jetzt ist sie eine unnahbare Herrin in toter Stadt. Leider wird das Potenzial dieser Figur, die etwas hat von Natalie Wood aus The Searchers (Der schwarze Falke) und Barbara Stanwyck aus Forty Guns (40 Gewehre), nicht richtig ausgenutzt.

The Salvation ist der Titel des Films, aber es gibt keine Erlösung, nur eine endlose Aneinanderreihung von Showdowns. Levring verspielt allmählich und tarantinoesk den spannenden Beginn seines Films zugunsten von schönen, aber leeren Gesten. Das Schicksal der Immigration, die bittere Erfahrung des Verlusts, der Zweifel am eigenen Handeln; sie werden am Ende zu Behauptungen beinahe, so falsch wie die digitale Landschaft.

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