Kritik zu Saint Amour – Drei gute Jahrgänge

© Concorde Filmverleih

Zwei Landwirte, Vater und Sohn, suchen auf einer speziellen, weinseligen Tour de France nach Wahrheit, Liebe und der Essenz der Grande Nation. Ein Road Movie mit Gérard Depardieu und Benoît Poelvoorde über einen kleinen Bauernaufstand und eine große erotische Utopie

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Das Regieduo Benoît Delépine und Gustave Kervern hat sich in den meisten seiner bizarr-poetischen Filme der weißen, hässlichen, vergessenen Männer angenommen. In »Mammuth« oder »Der Tag wird kommen« erforschen sie einen verzweifelten Euro-Machismo zwischen schräger Komik und tiefster Melancholie. Und sie entdecken einen gewissen märchenhaften Zauber in den beinahe monströsen männlichen Randfiguren speziell Frankreichs.

In ihrem neuen Film spielen Gérard ­Depardieu und Benoît Poelvoorde, die beiden Lieblingsstars der Regisseure, die Hauptrollen. Sie verkörpern zwei absolute Hinterwäldler, die komplett »out« sind, längst vergessen vom Zeitgeist. Sie sind Bauern, Vater und Sohn, den Stolz ihres einmal angesehenen Standes haben sie verloren. Möglicherweise sind sie gar Wähler des Front National.

In Paris besuchen die beiden die jährliche Landwirtschaftsmesse. Vater Jean (Depardieu) präsentiert dort seinen Zuchtbullen; das mächtige, mythische Tier wirkt wie ein Zeichen für überkommene Körperlichkeit und Virilität. Wie der korpulente Depardieu selbst. Sohn Bruno (Poelvoorde) besitzt nicht mal mehr den Rest an Würde, den sich sein Vater noch bewahrt hat. Bruno ist allein, verzweifelt, alkoholsüchtig. Er will die Landwirtschaft endgültig an den Nagel hängen und in einem Baumarkt einen Job antreten.

Ganz allmählich holen Delépine und Kervern den Landwirt heraus aus der Bilderwelt von internationalen TV-Formaten wie »Bauer sucht Frau«. Dabei scheint gerade Bruno lange Zeit in dieses Klischee zu passen: Verbissen, aggressiv und selbstzerstörerisch sucht er nach einer Freundin. Vater Jean wiede­rum hat gerade seine Frau, Brunos Mutter, verloren. In berührenden Momenten telefoniert er mit der Mailbox der Verstorbenen, nur um ihre Stimme noch mal zu hören. Um die berufliche und familiäre Krise zu bewältigen, überredet der Vater seinen Sohn zu einem besonderen Trip durch Frankreich: einer Tour durch die Weinanbaugebiete des Landes. Als Chauffeur für diese nationale Sauftour wählen sie einen Minicar-Fahrer aus Paris namens Mike (Vincent Lacoste), der hinter der Maske des urbanen Casanovas einige sentimentale Geheimnisse verbirgt. Zu Vater und Sohn hat sich also eine Art blutjunger heiliger Geist gesellt, um die seltsame maskuline Loser-Dreifaltigkeit zu vervollständigen. Three French Godfathers on tour: Cherchez la femme!

Delépine und Kervern lieben das Roadmovie. Sie mögen die offene, epische Form, die von den Zwängen der Dramaturgie befreit. Und sie mögen das Changieren zwischen Wirklichkeit und Mythos, das dem Roadmovie als modernistischem Genre innewohnt. So begegnen Jean, Bruno und Mike in einem äußerst realistisch geschilderten, beinahe tristen Frankreich sagenhaften und skurrilen Figuren, die eine disparate, aber zugleich wunderbar hoffnungsvolle Grande Nation abbilden. Da ist beispielsweise die Serviererin in der Provinz, großartig gespielt von Solène Rigot. Weitere erstaunliche ­Begegnungen finden statt mit Michel Houellebecq als ultra-traurigem Herbergsvater und Chiara Mastroianni als pragmatischer Weinhändlerin am Straßenrand.

Sowohl Vater als auch Sohn haben jeweils mehr oder weniger erfolgreiche sexuelle Abenteuer. Der arme Bruno wird von einer attraktiven Immobilienmaklerin, gespielt von Ovidie, der bekannten Sex-Actrice und Verfasserin eines Pornomanifests, heftig verführt und schamlos ausgenutzt. Der alte Jean hingegen verbringt einen Nachmittag im Bett mit Andréa Ferreol (für immer bekannt aus »Das große Fressen«): eine schöne Begegnung des Alters, bei der auf komisch befreiende Weise der Sex vergessen wird.

Die französische Magical Mystery Tour, die stets schwankt zwischen Weinseligkeit und erstaunlicher Nüchternheit, endet im Reich der Venus (Céline Sallette), einer aufregenden Rothaarigen, die die Unterstützung der eigentlich sanftmütigen Männer benötigt. Delépine und Kervern lassen ihren wunderlichen und wunderbaren Film, der auf einer Messe, dem kommerziellen Modell des Lebens, begonnen hat, in einen Traum von Vitalität münden.

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