Kritik zu Rückkehr in die Normandie

- kein Trailer -

2007
Original-Titel: 
Retour en Normandie
Filmstart in Deutschland: 
19.06.2008
L: 
113 Min
FSK: 
12

Provinz revisited: Nicolas Philibert begegnet Menschen, die vor langer Zeit an einem Filmprojekt mitwirkten

Bewertung: 2
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Im Jahr 1975 drehte der französische Regisseur René Allio in der Normandie einen Spielfilm über ein spektakuläres Verbrechen, das sich dort über hundert Jahre zuvor ereignet hatte: »Ich, Pierre Rivière, der ich meine Mutter, meine Schwester und meinen Bruder getötet habe« erzählt von der Tat, den Vernehmungen und dem Todesurteil, der Begnadigung durch den König und endlich vom Tod des Jungen durch eigene Hand. Besetzt war der Film vorwiegend mit Laiendarstellern aus der Region.

Nicolas Philibert, dem mit dem Dokumentarfilm »Sein und Haben« (2002) auch hierzulande ein Publikumserfolg gelang, war seinerzeit Allios Regieassistent und machte sich 30 Jahre später auf, um die ehemaligen Laienschauspieler zu besuchen. Welches Interesse ihn dabei leitete, vermag der Film über weite Strecken allerdings kaum plausibel zu machen, das Auswahlkriterium wird nicht ersichtlich. Philibert zeigt seine Protagonisten bei der Arbeit, in ihrem Familien- und Freundeskreis, und er lässt sie aus ihrem Leben berichten.

In seinen luzidesten Passagen erzählt »Rückkehr in die Normandie« von dem Wandel, dem die Region im Lauf der Zeit unterworfen war, von der Umstrukturierung der Landwirtschaft und davon, was das für die Menschen bedeutet. Dazwischengeschnitten sind Bilder aus Allios Film, Fotos von den damaligen Dreharbeiten. Aus dem Off kommentiert Philibert die Aufnahmen, ergänzt Informationen, erzählt davon, wie er die Filmarbeiten erlebte. Er selbst spricht von der »fragmentarischen Natur« seines Films, der nicht nur an Allios Werk erinnern, sondern auch »andere Fragen reflektieren« soll: »über das Kino, über unsere Welt, über unsere Beziehungen mit anderen . . . «

Doch Philiberts ästhetisches Programm torpediert sich selbst. Die Fülle unterschiedlichen Materials und der Anspruch, damit experimentell umzugehen, führen dazu, dass Themen immer nur angerissen werden. So entsteht der Eindruck, der Regisseur interessiere sich nicht ernsthaft für die Lebensgeschichten seiner Personen. Für das alte Ehepaar etwa, dessen Tochter in die Schizophrenie entglitten ist; für die Frau, die nach einem langen Koma Welt und Sprache neu entdecken musste. Oder für Claude Hébert, Allios Hauptdarsteller, jenen einstmals verschlossenen Jungen, der nach kurzer Schauspielerlaufbahn seinem Leben eine Wende gab und als Missionar nach Mittelamerika ging – Biografien, die eigene Dokumentationen wert wären, den Regisseur aber kaum zum Nachfragen bewegen.

Stattdessen findet er drastische Bilder, um das Leben auf dem Land zu illustrieren. Zu Beginn wohnen wir der Geburt von Ferkeln in einem Zuchtbetrieb bei, zwischendurch der rustikalen Tötung eines Schweins mittels Vorschlaghammer. Dem wächst aber kein metaphorischer Gehalt als Bild für den menschlichen Umgang mit der Natur zu – vielmehr wirkt die Sequenz in diesem Film so zufällig wie viele andere. »Rückkehr in die Normandie« gleicht einem ungeordneten Zettelkasten mit Notizen aus der Provinz.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns