Kritik zu On the Road – Unterwegs

© Concorde

Hit the Road, Jack: Nach den Motorcycle Diaries unternimmt Walter Salles erneut eine historische Reise und adaptiert Jack Kerouacs Beatnik-Klassiker

Bewertung: 3
Leserbewertung
2
2 (Stimmen: 1)

Wenn 55 Jahre zwischen dem Erscheinen eines Romans und seiner Adaption liegen, dann hat wohl etwas nicht gestimmt. Vielleicht sperrte sich der Stoff gegen das andere Medium. Oder die Rechte waren nicht zu haben. Oder es hat ganz einfach niemand das Potenzial erkannt. Im Fall von On the Road, einem Klassiker der amerikanischen Beatnik-Literatur, hat es jedenfalls nicht am Autor gelegen. Schon 1957, gleich nach der Veröffentlichung, bot Jack Kerouac Marlon Brando die Rolle des Dean Moriarty an, jenes Tramps, den Kerouac seinem Freund Neal Cassady nachempfunden hatte. Ganz sicher keine schlechte Wahl: Der »Wild One« hätte den lebenshungrigen Charismatiker bestimmt mit animalischer Wucht verkörpert.

Zwanzig Jahre später kaufte Francis Ford Coppola die Rechte und suchte lange nach einem gangbaren Weg. Zweifellos hätte er der Geschichte damals eine interessante Kopfnote verpasst; es hieß unter anderem, er wolle sie in Schwarz-Weiß und auf 16 Millimeter drehen. Aber es wurde schließlich nichts draus, und so bekam mit großer Verspätung nun Walter Salles die Chance, nach Ché Guevara in den Motorcycle Dairies einer weiteren Ikone des 20. Jahrhunderts ein filmisches Denkmal zu setzen.

Der Brasilianer wählt dabei, nun ja, den Mittelweg. Weder entscheidet er sich für einen sinnlichen, ausschweifenden Stil, der sich dem Sujet anpassen würde. Noch versucht er sich an kühler, intellektueller Reflexion. »Unterwegs«, das heißt für ihn schlicht: ein Roadmovie mit einer Reise von A nach B, mit zahlreichen Stationen wie an der Perlenkette aufgereiht und mit einer ziemlich simplen, erstaunlich konservativen Moral.

Die Story spielt in den späten Vierzigern und kreist um Kerouacs Alter Ego, den angehenden Schriftsteller Sal Paradise (Sam Riley). Nach dem Tod seines Vaters freundet er sich im Nachkriegs-New-York mit Moriarty (Garrett Hedlund) an und folgt ihm auf einen Trip ins Reich von Sex, Drugs and Jazz. In wechselnder Begleitung durchqueren die beiden die USA, immer Richtung Westen, später nach Mexiko. Dabei sind sie abwechselnd Hobos und Gangster, Tagelöhner und Touristen, und immer geht es um die Suche nach dem nächsten Kick – der wilden Bebop-Orgie, dem hemmungslosen Rausch, dem freien Sex in allen denkbaren Konstellationen. Alle Figuren des Films wie des Romans sind Kerouacs Zeitgenossen nachempfunden. Allen Ginsberg tritt in Form des verklemmten Poeten Carlo Marx (Tom Sturridge) auf, William Burroughs empfängt die Reisenden als Old Bull Lee (faszinierend: Viggo Mortensen) in seinem morbiden Südstaatendomizil. Auch die beiden wichtigen Frauen haben reale, allerdings weniger prominente Vorbilder: Kristen Stewarts Marylou und Kirsten Dunsts Camille sind so etwas wie Fixpunkte für die jungen Männer; Marylou eine abgründige, freisinnige Begleiterin, Camille die bodenständige aristokratische Alternative. Kaum auszudenken, was ein Todd Haynes aus diesem Personal und Material gemacht hätte, wenn er wie in I’m Not There auf die Suche nach dem Zusammenhang zwischen Mythos und Fiktion, Wahrheit und Legende gegangen wäre. Salles dagegen beschränkt sich darauf, hübsche existenzialistische Postkarten zu verschicken, die man alle schon gesehen zu haben glaubt. Seine Bilder bemühen sich zwar passagenweise um Modernität und Tempo, im Grunde illustrieren sie aber vor allem die gute alte Zeit, in der die Landschaften noch weit und die Autositze breit waren. Alles ist liebevoll ausgestattet und erlesen komponiert; die Kostüme sitzen und die Musik elektrisiert. Aber richtig lebendig wird das Ganze nicht.

Dafür sind nicht zuletzt die beiden Männer im Zentrum verantwortlich, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Moriarty ist eine schillernde Figur, ein kluger Kopf, der sich als Antiintellektueller geriert und einen zügellosen Hedonismus lebt. Hedlund fehlt jedoch die Statur, das glaubhaft auszufüllen. Mit Sal ist es umgekehrt: Riley, schon in Anton Corbijns Control eine starke reale Kultfigur, agiert auch hier wunderbar introvertiert und zerbrechlich. Gleichwohl ist seine Figur eine Leerstelle im Zentrum des Films: ein Protagonist, der eher Beobachter als Handelnder ist und uns leider ziemlich gleichgültig bleibt.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt