Kritik zu Remember

Trailer englisch © eOne

Der kanadische Arthouse-Liebling Atom Egoyan überrascht mit einem kolportagehaften Psychodrama über die Suchenach einem untergetauchten Naziverbrecher

Bewertung: 3
Leserbewertung
3.5
3.5 (Stimmen: 2)

Heute, 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, sind nur noch wenige der damals Geretteten und ihrer Peiniger am Leben. Längst nicht alle Täter sind aufgespürt, geschweige denn bestraft, und so wird Atom Egoyans zeitgenössischer Psychothriller über die Suche nach einem Naziverbrecher vom Gefühl äußerster Dringlichkeit angetrieben. Als Jäger tritt der 90-jährige Auschwitz-Überlebende Zev (Christopher Plummer) auf, der nach Kriegsende eine glückliche zweite Existenz in den USA begann. Nun lebt Zev im Altersheim und muss jeden Morgen daran erinnert werden, dass seine Frau Ruth kürzlich verstorben ist. Sein Freund Max (Martin Landau) erinnert ihn an ein letztes Versprechen und übergibt ihm eine To-do-Liste mit detaillierten Handlungsanweisungen. Zev, der zwar vergesslicher, aber beweglicher als der im Rollstuhl sitzende Max ist, soll vier Männer aufsuchen, die bei Kriegsende unter dem falschen Namen Rudy Kurlander in Nordamerika untergetaucht sind. Einer von ihnen sei jener KZ-Blockführer, der Max' und Zevs Familie auf dem Gewissen hat. Zevs Mission besteht nun darin, diesen Mann zu erschießen. Getreu Max' Anweisungen büxt der Alte aus und beginnt eine Reise ins Ungewisse.

Manchmal erinnert Zevs Odyssee durch die stillen Landschaften Nordamerikas bis nach Kanada an das berückend melancholische Roadmovie ­»Cheyenne – This Must be the Place«, in dem ein Rockstar quer durch die USA auf die Suche nach einem ehemaligen SS-Mann geht, um den letzten Wunsch seines jüdischen Vaters zu erfüllen. Doch im Zentrum steht Zevs schwindendes Gedächtnis, und wie in Christopher Nolans »Memento« benötigt er Hinweise von außen, um sich zu erinnern.

So läuft dieser Psychothriller wie mit zwei Geschwindigkeiten. Die Suche nach dem Altnazi, deren paradoxe Pointe man schnell ahnt, ist ein B-Movie-Plot, in dem Demenz als billiger Handlungskniff dient und das Holocaust-Thema unangenehm trivialisiert wird. Besonders zur dramatischen Katharsis wird dick aufgetragen, wenn der schlecht zum Greis geschminkte Jürgen Prochnow auftaucht und man trotz des gefühlig-lauten Soundtracks förmlich das Klappern der Drehbuchmechanik hört.

Und trotzdem sorgt die inszenatorische Finesse von Egoyan, der mit Dramen wie »Das süße Jenseits« in den 90ern zum Arthouse-Liebling aufstieg, für Anflüge von Gänsehaut. Die Unbefangenheit, mit der freundliche Menschen etwa die Glock-Pistole des tattrigen Alten bewundern, erzeugt leichtes Grauen. Abgründig verläuft auch Zevs Begegnung mit einem Ranger, dessen Leutseligkeit in Aggression mündet. Identität, Verdrängung, Geheimnis: Man versteht, was Egoyan an diesem kolportagehaften Stoff interessierte. Ein Glücksfall ist der fast 86-jährige Christopher Plummer, der Zev und sein zerfallendes Ich in einer fein modulierten Balance zwischen Erschrecken und Zähigkeit, Gebrechlichkeit und zittrigem Mut spielt. In einem Film, in dem die Schäferhunde Eva heißen, wirkt sein würdevolles Understatement umso aufregender.

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