Venedig 2015: »Remember« von Atom Egoyan

»Atom Egoyan«

»Atom Egoyan«

Als einer der letzten Beiträge eines letztlich enttäuschenden Wettbewerbs stellt Atom Egoyan in Venedig seinen Film »Remember« vor, eine deutsch-kanadische Koproduktion, in der Christopher Plummer gegenüber Bruno Ganz und Jürgen Prochnow einen senilen Auschwitz-Überlebenden auf Rachefeldzug spielt

Es sei das letzte Mal, das man eine Geschichte wie diese in der Gegenwart erzählen könne. Mit diesen Worten stellte der kanadische Regisseur Atom Egoyan auf dem Filmfestival von Venedig nun sein neues Werk »Remember« vor, eine deutsch-kanadische Koproduktion um einen Holocaust-Überlebenden auf Rachefeldzug. In zehn Jahren, so Egoyan in Anspielung auf das fortgeschrittene Alter seiner Hauptfiguren, muss man ein solches Drama als Geschichts- beziehungsweise Kostümfilm ausstatten.  

In »Remember« spielt der 85-jährige Christopher Plummer den nach dem Krieg aus Deutschland in die USA emigrierten Zev Guttmann, der wegen Anzeichen von Demenz von seine Familie in ein jüdisches Pflegeheim gebracht wurde. Zev kämpft mit Gedächtnislücken. Dass seine Frau Ruth soeben erst verstorben ist, müssen ihm die Pflegekräfte jeden Morgen aufs Neue erklären. Kaum dass die Beerdigung vorbei ist, überreicht ihm sein Heimgenosse Max (gespielt von der 87-jährigen TV- und Kinolegende Martin Landau) einen langen Brief. Darin gibt Max, auch er ein Auschwitz-Überlebender, genaue Anweisungen, wie Zev den für den Tod ihrer Familien verantwortlichen Nazi-Blockführer ausfindig machen und töten soll. Dieser sei unter dem falschen Namen Rudi Kurlander einst in die USA geflohen. Da Max in langen Jahren vier in Frage kommenden alten Männern auf die Spur kam, selbst aber im Rollstuhl sitzt, schickt er Zev los. Es beginnt eine gewagte Mischung aus Rachethriller, Roadmovie und Alzheimer-Drama, in der unter anderem Bruno Ganz, Jürgen Prochnow und Heinz Lieven als vermeintliche Nazis mit je eigener Geschichte auftreten.                   

Der deutsche Theater- und Filmschauspieler Heinz Lieven brachte mit einfachen Worten bei der Pressekonferenz in Venedig seine persönliche Beteiligung am Thema auf den Punkt: Er sei vier Jahre alt gewesen, als Hitler an die Macht kam, und 17, als es zu Ende war. Während sein Auftritt, genauso wie der seiner Kollegen gelobt wurde, fand der Film als Ganzes eher geteilte Aufnahme. So zeigte sich das Publikum in Venedig zwar besonders beeindruckt von Christopher Plummers fesselnd präziser Darstellung eines Menschen, der mit der eigenen geistigen Hinfälligkeit kämpft, doch mit seiner effektheischerischen Rachehandlung, die am Ende eine Plotwendung zuviel macht und ihre eigene Sinnhaftigkeit bedroht, gelingt »Remember« kein wirklich überzeugender Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung. Was angesichts von Egoyans wahrer Beobachtung zur schwindenden Gegenwartsbezüglichkeit solcher Geschichten umso bedauerlicher ist.

Als einer der letzten Filme des Festivals steht »Remember« damit leider auch beispielhaft für den enttäuschenden diesjährigen Wettbewerb. Es gab darin zu viele Filme, die allein mit gewichtiger Thematik Aufmerksamkeit auf sich zogen, ohne filmisch überzeugen zu können. Am besten gelang dies noch Amos Gitai in seinem Dokudrama über das Attentat auf Yitzhak Rabin, »Rabin. The Last Day«, der darum auch als heißer Kandidat auf den am Samstagabend zu verleihenden Goldenen Löwen gilt. Auch Aleksandr Sokurovs essayistische Auseinandersetzung mit den Fragen nach Krieg und europäischem Kulturerbe, »Frankophonie« fand eine vergleichsweise positive Aufnahme. Beiträgen wie dem türkischen Thriller »Frenzy«, der in in fast unheimlicher Nähe zur Aktualität das Bild einer Türkei am Rande des Bürgerkiegs zeichnete, oder der amerikanischen Netflix-Produktion »Beasts of No Nation« über afrikanische Kindersoldaten stand eine Vielzahl an allzu gängiger Kinoware gegenüber. Genau darin bildete das 72. Filmfestival von Venedig wiederum sehr gut die gegenwärtige Krise der Kinobranche ab. Einer Branche, die sich in der transformierenden Landschaft neuer globaler Vertriebswege und zunehmender Konkurrenz durch TV-Serien erst wieder positionieren muss.  

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