Kritik zu Ray & Liz

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In seinem Debütfilm wendet sich der englische Fotograf Richard Billingham wie schon in seinen bisherigen künstlerischen Arbeiten der eigenen Familie und Herkunft zu. Sein Film erzählt vom Aufwachsen im sogenannten Black Country, den von Margaret Thatchers Sparpolitik schwer getroffenen West Midlands

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Sie sitzt an ihrem Puzzle und zieht an ihrer Zigarette und nippt an ihrem Tee. Sie thront in ihrem Fleisch und mächtig wogt die Büste, wenn sie sich in Bewegung setzt. Was nicht allzuoft geschieht. Meistens kommandiert sie ihren Mann herum, der offensichtlich unter dem Pantoffel steht, beflissen zwar, doch zu nichts nutze. Was jedoch möglicherweise bereits zuviel der Interpretation ist.

Man erfährt wenig bis nichts über diese beiden Figuren Liz und Ray, über ihre Herkunft und ihren Werdegang, über ihre Hoffnungen oder gar ihre Träume; und erst recht erfährt man nicht, wie es so weit mit ihnen kommen konnte. Was dazu führte, dass sie in verwahrlosten Behausungen apathisch Stromausfälle hinnehmen oder die Tatsache, dass der etwa siebenjährige Sohn eines Nachts nicht mehr nach Hause kommt. Denn Ray und Liz haben zwei Buben, Richard und Jason, und als Jason schließlich von der Fürsorge in eine Pflegefamilie verbracht wird, fragt der ältere Richard den Sozialarbeiter, ob es nicht auch für ihn irgendwo einen Platz gäbe. Und dieser tröstet ihn mit den Worten, er sei doch ohnehin schon fast erwachsen und bald könne er gehen, wohin er wolle, er brauche nur noch ein wenig länger durchzuhalten. Mit solchen Durchhalteparolen möchte man selbst nicht aufwachsen.

Schwer zu sagen, auf welche Art von »-losigkeit« dieser Film den größten Wert legt, es nehmen deren so viele darin so großen Raum ein: Sinnlosigkeit, Sprachlosigkeit, Lieblosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Antriebs­losigkeit und nicht zuletzt Hilf- und Halt­losigkeit. Nein, »Ray & Liz« von Richard Billingham, im vergangenen Jahr beim Festival in Locarno mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet, ist kein Gute-Laune-Film; das Gegenteil davon ist er aber auch nicht. Er ist weder miserabilistisches Suhlen im Elend, noch voyeuristische Ausbeutung der Unterprivilegierten. Vielmehr ähnelt er mit seiner nüchternen Beobachtungshaltung, die sich der Erklärungen und Interpretationen enthält, einer Chronik. Was kann der Chronist dafür, dass er eine Tragödie aufzeichnet?

Mindestens erstaunlich allerdings wird diese neutrale Haltung, wenn man bedenkt, wie sehr der Filmemacher in das, was sein Film abbildet, tatsächlich involviert ist. Lieferten doch Billinghams mittlerweile verstorbene Eltern – beide offenbar schwere Alkoholiker, starke Raucher und die Mutter zudem jederzeit gewaltbereit – die Vorlagen für die hier agierenden Jammergestalten. Insofern allerdings die Eltern Billingham auch bereits Gegenstände der fotografischen Arbeiten ihres 2001 für den Turner Prize nominierten Künstler-Sohnes waren, ist ihre Transformation in Filmfiguren nur konsequent. Es ist, als habe Billingham seine Fotos in Bewegung gesetzt; ein Eindruck, zu dem beiträgt, dass »Ray & Liz« auf 16-mm-Material im 4:3-Format an Originalschauplätzen gedreht wurde: in Cradley Heath und Dudley, zwei Orten in der Nähe von Birmingham, gelegen im sogenannten Black Country, das wiederum einst Zentrum der Kohle- und Stahlindustrie war und hart getroffen wurde von Margaret Thatchers Wirtschaftspolitik. Arbeitslosigkeits- und Armutsraten zählten dort zeitweilig zu den höchsten in England. Hier nun wuchsen Richard und sein Bruder Jason in den 80er-Jahren auf, weswegen Billinghams Fotografien (und weitergehend auch dieser Film) als Innenperspektive jener Verelendung und Resignation gesehen werden können, die auf die Thatcher-Ära folgte.

Ins Zentrum von Richards autobiografischem Unterfangen arbeitet sich nun aber ganz allmählich die Vernachlässigung seines kleinen Bruders Jason vor, in dessen überwiegend schweigender Präsenz sich die tiefe Einsamkeit eines ungeliebten Kindes verdichtet. Sie macht aus diesem schonungslosen Porträt von Verwahrlosung auf allen Ebenen auch eine Geste des Mitgefühls. Der nüchtern ruhige Blick in das Gesicht dieses orientierungslosen Jungen ist, wenn schon keine Aufforderung zur Tat, dann doch die drängende Bitte, wenigstens nicht wegzusehen.

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