Kritik zu Radiance

© Concorde Filmverleih

Vergänglichkeit und Verlust von Menschen und Sinnen macht die japanische Regisseurin Naomi Kawase zum Thema in ihrem Film über eine Frau, die als Beruf Audiodeskriptionen für Filme verfasst

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Misako beschreibt Filme. Das heißt, sie erarbeitet Audiodeskriptionen für Menschen mit Sehbehinderung. Das ist ein langwieriger Prozess. Immer wieder trägt sie einer Gruppe von blinden und erblindenden Probehörern ihren neu an deren Einwände angepassten Text vor. Im Zuge dessen wird deutlich, wie schwierig es ist, die Emotionalität einer Szene sprachlich zu erfassen, einen bestimmten Gegenstand adäquat zu schildern, dem Ausdruck eines Gesichts mit Worten gerecht zu werden. Weil ein Bild eben mehr sagt als tausend Worte. Das ist banal. Aber es ist, wie so viel Banales, eben auch wahr, und es schadet nicht, sich darüber gründlich Gedanken zu machen. Dachte wohl auch Naomi Kawase und drehte mit »Radiance« nach eigenem Drehbuch einen Film über die Sinne und deren Verlust, über das Bewusstsein und dessen Vergehen, über Licht und Dunkelheit und die Unschärfe dazwischen. Und über die Angst, die den Menschen ergreift, wenn die gewohnte Ordnung sich auflöst.

Ein idealer Stoff, so scheint es, für die japanische Filmemacherin, die in ihrem bisherigen Werk – zuletzt in »Kirsch­blüten und rote Bohnen« (2015) und »Still the Water« (2014) – so oft eine erstaunliche Sensibilität bewiesen hat; ein Gespür für Nuancen und einen ebenso wachen wie geduldigen Blick, mit dem sie unsere Aufmerksamkeit lenkt auf die Bedeutsamkeit des Verborgenen und Unausgesprochenen in zwischenmenschlichen Beziehungen. Vor diesem Hintergrund fällt »Radiance« jedoch enttäuschend aus. Zum einen, weil Kawase in die Falle der Sentimentalität tappt, die sie sich mit ihrem Thema selbst gestellt hat. Und zum anderen, weil sie das Thema in immer neuen Varianten wiederholt, ohne Tiefgang zu entwickeln. Die Charaktere bleiben blass, weil eine völlig überdeterminierte Geschichte ihnen keinen Raum zur Entfaltung lässt: In der Gruppe der Probehörer, denen Misako vorträgt, sitzt auch Nakamori, ein ehemals berühmter Fotograf, der allmählich sein Augenlicht verliert. Er nimmt sein Schicksal aber nicht an sondern hadert mit ihm. Nakamori ist ein verbitterter Mann, der Misako mit seiner harschen Kritik an ihrer Audiodeskription vor den Kopf stößt. Der aber eben auch ein Foto veröffentlicht hat, das Misako an ihren verstorbenen Vater erinnert. Und damit wiederum an den Schrecken der Vergänglichkeit, denn auch Misakos Mutter wird die Tochter wohl bald verlassen, ist sie doch schon alt und zunehmend vergesslich. Wie jene Frau in dem Film, den Misako zu beschreiben versucht, die von der Alzheimerkrankheit allmählich zum Verschwinden gebracht wird, was wiederum deren Mann nicht ohne Hadern akzeptieren will.

Auf zahlreichen Ebenen wird in »Radiance« gebetsmühlenartig das Gleiche erzählt. Kawase hämmert es ihren Zuschauern geradezu ins Hirn, während Arata Dodos Kamera förmlich in den Gesichtern der Figuren klebt, wenn sie nicht gerade in Unschärfen und Lichtreflexen absäuft. Dazu erklingt nahezu ununterbrochen gefühliges Klaviergeklimper. Am Ende ist »Radiance« ein gutes Beispiel dafür, dass zu wenig auch einfach mal zu wenig sein kann.

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