Kritik zu Putty Hill

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Es ist nicht das Baltimore von »The Wire« noch das von John Waters. Es ist irgendetwas zwischendrin. Und diese Kunst des Zwischendrin beherrscht der Regisseur Matthew Porterfield meisterlich: Sein zweiter Film ist eine faszinierende Alltagsstudie

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Im Innern dieses unaufgeregten Films liegt als Gravitationszentrum die Leerstelle, die der 24-jährige Cody nach einer Überdosis hinterlässt. Sein Tod löst Trauer aus, aber keinen echten Schock, denn wo er lebte, sind die Leute Kummer gewöhnt. Ganz selbstverständlich gehen die Freunde des Toten einen Tag vor seiner Beerdigung zum Paintball-Schießen. Nur ganz langsam sickert das Wissen um die Tragödie durch den Alltag in den Randbezirken von Baltimore, das hier sehr weit entfernt zu sein scheint von den nostalgisch angehauchten und lebensfrohen Kinoszenerien von Barry Levinson oder John Waters.

Wie seine Kollegen ist auch Matthew Porterfield in Baltimore aufgewachsen, allerdings in den nordöstlichen Randbezirken, wo die weniger privilegierten Menschen leben, die Arbeitslosen und Armen, die sich in Alkohol, Drogen und Gewalt flüchten und alle früher oder später mit dem Gesetz in Berührung kommen. Doch statt die Missstände anzuprangern, bildet Porterfield den Alltag ab, ungeschönt, aber mit einer zärtlichen Zugewandtheit. Ganz sachte nehmen die Videobilder von Kameramann Jeremy Saulnier diese versehrten Menschen in den Blick, wie zarte Schmetterlinge, denen man nur allzu leicht die Flügel brechen könnte. Über die Wirklichkeit des Lebens in dieser Gegend legt der Regisseur nur eine ganz fragile fiktive Struktur, die Erzählung vom Tod eines jungen Mannes und dem Netz seiner Beziehungen, in den Stunden um seine Beerdigung. So kann sich in den Zwischenräumen der erfundenen Koordinaten ungehindert eine dokumentarische Wirklichkeit ausbreiten, eine kostbare Wahrhaftigkeit. In der Art, wie der Regisseur diesen Menschen beisteht, spürt man seine Vertrautheit mit den Verhältnissen.

Man begleitet die Freunde und Verwandten von Cody zum Schwimmen an den See, in den Skatepark, die Kneipe; da ist die Schwester, die gerade angekommen ist, um an der Beerdigung teilzunehmen, der Bruder beim Kriegsspiel mit Paintball-Gewehren, die gefasste Mutter zu Hause. Immer wieder sitzen sie vor einer Kamera und erzählen für eine imaginäre Dokumentation. Aus den beiläufigen, spröden Aussagen erschließen sich langsam die Familienverhältnisse. Der Vater hat Jahre im Gefängnis verbracht, weil er den Vergewaltiger seiner schwangeren Freundin ermordet hat; die Freunde handeln mit Drogen; die Schwester ist abgehauen, so schnell es ging.

Es ist ein ganz fragiles Verhältnis, das Realität und Fiktion, Gefundenes und Inszeniertes hier eingehen, wenn Matthew Porterfield sie behutsam übereinander legt, miteinander verschränkt, so wie er das schon in seinem hoch gelobten Debütfilm Hamilton getan hat. Dialoge und Interviews sind improvisiert, alles, was die Darsteller als Anhaltspunkt hatten, war eine lose Biografie von Cody und Informationen über ihre Beziehung zu ihm, das heißt, wenn sie aus dem Leben ihrer Figuren erzählen, bringen sie immer ihre eigene Wirklichkeit mit ein. So entfaltet der in nur 12 Tagen mit einem lächerlichen Budget von 80 000 Dollar auf digitalem HD-Material und mit Laiendarstellern aus der Gegend gedrehte Film eine verhaltene Poesie, eine melancholische Resignation.

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