Kritik zu Pride

© Senator

2014
Original-Titel: 
Pride
Filmstart in Deutschland: 
30.10.2014
L: 
120 Min
FSK: 
6

Streikende Minenarbeiter, die von schwulen Aktivisten unterstützt werden? Was sich nach »schräger Komödie« anhört, ist 1984 tatsächlich passiert und nun ein Feelgoodmovie in der Tradition von Brassed Off

Bewertung: 4
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4
4 (Stimmen: 1)

Warum sollten wir ausgerechnet schwulenfeindliche Minenarbeiter unterstützen?«, fragen die Freunde und Mitstreiter den schwulen Aktivisten Mark. »Weil die auch eine Minderheit sind, weil wir in Margaret Thatcher einen gemeinsamen Feind teilen«, entgegnet er. So wird auf der Londoner Gay Pride Parade im Jahr 1984 eine Allianz beschlossen: Unter der Führung von Mark (Ben Schnetzer) greifen sich die Schwulen und eine Lesbe spontan ein paar Eimer und sammeln für die darbenden Familien der streikenden Minenarbeiter. Und weil sich deren Gewerkschaft ziert, fahren die Aktivisten kurzerhand selbst zur Basis, im bunten Lieferwagen direkt zu den betroffenen Bürgern in einem kleinen walisischen Dörfchen. Was dort beginnt, ist keine Liebe auf den ersten Blick.

Die ersten Annäherungen sind holprig, zwischen zögerlicher Zurückhaltung und offener Aggression. Im Gemeindesaal gibt es nicht wenige, die ihre aufgestaute Wut gern mit Handgreiflichkeiten an den schillernden Besuchern auslassen würden – aber Letztere bringen bald Farbe und Bewegung in das kleine Kaff. Beispielsweise in einer wunderbaren Szene, in der Dominic West (einst Jimmy McNulty in The Wire) mit goldblond gefärbter Mähne und flamboyantem Schwung zum Discokracher »Shame Shame Shame« durch den Gemeindesaal wirbelt. Aber auch wenn es darum geht, für die eigenen Rechte zu kämpfen oder originelle Fundraisingkonzepte zu realisieren, etwa ein »Pits and Perverts«-Benefizkonzert in London.

Die auf realen Ereignissen basierende Geschichte atmet denselben Geist wie Brassed Off, Ganz oder gar nicht oder Kalender Girls, allesamt Filme, in denen sich die Mitglieder der britischen Arbeiterklasse mit unorthodoxen Methoden gegen ihre desolaten Verhältnisse wehrten. Matthew Warchus, der hier seit dem 15 Jahre zurückliegenden Simpatico mit Jeff Bridges zum ersten Mal wieder für die Leinwand inszeniert, bringt von Crowdplea­ser-Bühneninszenierungen wie »God of Carnage« oder »Matilda – The Musical« einen mitreißenden Schwung mit, aber auch sehr viel Feingefühl und eine ansteckende Mischung aus Charme, Warmherzigkeit und Witz. Grandiose Luftaufnahmen des abgeschieden ins Tal geschmiegten Dörfchens mit den gewundenen Straßen und Bächen des Umlandes sorgen für Kinoschauwerte. Und ein schillerndes Schauspielerensemble löst große Themen wie Freundschaft, Toleranz und Solidarität in eine Fülle intimer, wahrhaftiger Momente auf, die auch die Klippen von Kitsch und Sentimentalität sicher umschiffen: Ben Schnetzer als mitreißender Stimmungsmacher, Andrew Scott als empfindsam-scheuer Inhaber des legendären »Gay’s the Word«-Buchladens, Paddy Considine als feinfühlig ausgefuchster Vermittler zwischen den Fronten, Bill Nighy als leiser Entdecker einer neuen Perspektive und last not least ein von Imelda Staunton angeführtes Damentrio, das sich mit großer Neugier und sehr viel schmutzigem Mutterwitz ins fremde Terrain stürzt und auch vor einem »Men only«-Schwulenclub nicht haltmacht.

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